Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Galuththeorie des Zionismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 746 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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746 Adolf Böhm: arbeit verrichten, sondern nur, sie müßten sich bei dieser Arbeit ihres innersten Besitzes, ihres Ausgangs- und Endpunkts klar bewußt bleiben. Schon die Erfahrung mit der primärsten Arbeit des Zionismus im Galuth: der Ideenpropaganda und Willensweckung, zwingt die Zionisten zum Paktieren mit tausend Niedrigkeiten, korrumpiert sie seelisch. Je mehr Galutharbeit nötig ist, desto mehr tut es darum not, immer wieder das innere Feuer wachzuhalten, das zionistische Bewußstsein — daß es sich um Schaffung eines Neuen handle — zu vertiefen. Dies ist nur möglich durch Erziehungsarbeit, und deshalb ist es nicht richtig, diejenigen, die um diese bemüht sind, mit Hinweis auf die „brennenden Tagesfragen" der Weltfremdheit anzuklagen, wie es dem Kreis des Kulturausschusses auf dem letzten deutschen Zionistentag geschehen ist. Selbst wenn die Behauptung, daß die zionistische Verelendungstheorie in bezug auf die Galuthmögltchkeiten sich überlebt hätte, in vollem Umfange richtig wäre, so würde dies durchaus keine ,,neue Einstellung" der Zionisten zur Galutharbeit zur Folge haben, wie Heinrich Margulies es erwartet, denn die Frage der Galutharbeit war für die Zionisten niemals eine Frage des Ob, sondern nur eine des Was und Wie. Die Zionisten haben bisher nie aufgehört, im Galuth zu arbeiten,und sie haben, davon soll noch gesprochen werden, vielleicht mehr Kräfte, als es tunlich gewesen wäre, in dieser Arbeit eingesetzt; und wieviel des Aufschwungs, der im Osten unleugbar zu finden ist, auf Rechnung der Zionisten zu setzen ist, müßte den Überhebungen der Jiddischisten gegenüber einmal festgestellt werden. Nie haben die Zionisten gefragt, ob sie im Galuth arbeiten sollen, sondern sie waren überall voran, um die Juden der Diaspora zur Selbstbesinnung, zur Aufrichtung, zu nationaler Aktivität, zu wirtschaftlicher Selbsthilfe, zur Demokratisierung ihrer Einrichtungen zu erziehen und zu leiten u. a. m. Dies alles ist im besten Sinne zionistische Arbeit und Galutharbeit, und man versteht nicht, wie Margulies den Gesichtskreis des Zionismus als auf Palästina beschränkt ansehen kann, wenn er sagt: „Soll der Zionismus eine Grenze finden bei jenen 50, 100 oder 500000 Juden, die für Palästina in Betracht kommen, zwischen sich aber und den 12 Millionen im Galuth Verbleibenden eine Mauer errichten? Nein, wir sind nicht nur und wollen nicht eine Bewegung sein, die einen kleinen Bruchteil unseres Volkes vertritt, wir müssen zur nationalen Bewegung werden, die das Volk in seiner Gesamtheit vertritt". Hier ist also unterstellt, daß der Zionismus einfach eine Palästinapartei sei. Wann und wo ist von den geistigen Führern je ein solcher Zionismus konzipiert worden? Niemals hat eine geistige Bewegung sich künstliche Schranken gesetzt, auch der Zionismus hat dies nie getan, er ist immer mit dem Expansionsdrang jeder geistigen Bewegung aufgetreten, immer mit dem Anspruch, das ganze Volk zu vertreten, immer mit der Exklusivität, daß außer ihm keine Erneuerung des Judentums möglich ist, und deshalb hat er nie das Ziel aufgegeben, das ganze Volk, nicht bloß einen „kleinen Bruchteil", zu durchdringen, zu umfassen, innerlich zu einigen und zu revoltieren. Das haben die Jiddischisten mit der feinen Witterung des Gegners am klarsten erkannt, und sie sind in einen geistigen Kampf mit dem Zionismus auf Tod und Leben eingetreten. Nur in dem Tempo und in der Art, wie das Volk zu revolutionieren sei, hat sich Herzl getäuscht, da er die Juden alle nach seinem Bilde schaute. Es mußte erst eine neue Generation in einer vom Fluidum des Zionismus und von den Ausstrahlungen des neuen Werdens in Erez Israel erfüllten Atmosphäre heranwachsen, damit im Galuth eine Wandlung zur