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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 745

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Zur Galuththeorie des Zionismus
Date
1917-01-01
Page
745 (sequence 4)
Language
German
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Zur Galuththeorie des Zionismus 745 Verelendung. Dieser Begriff ist eben kein absoluter, sondern ein relativer. Die „absolute" Verelendungstheorie haben die Zionisten schon vor mehr als einem Jahrzehnt über Bord geworfen, als sie sich in die innerpolitischen Kämpfe stürzten*), aber die relative Verelendungstheorie können sie nie preisgeben. Wie gut es den Juden in bezug auf nationales Ausleben auch jemals im Galuth gehen möge, nie werden sie, an dem Ideal eines jüdischen Voilebens gemessen — und ein kleineres Ziel kann sich keine wahrhaft nationale Bewegung stecken —f im Galuth freie und vollkommene Juden sein können. D iesen „Pessimismus" in der Beurteilung der Aussichten des jüdischen Volkes im Galuth wird der Zionismus immer beibehalten müssen, auch zu Zeiten, wo dem Galuth mehr als bisher in der stärkenden Macht des Zionismus und den Ausstrahlungen des Palästinazentrums Quellen der Aufrichtung fließen werden. Ob übrigens gerade die heutige Zeit dazu besonders angetan ist, uns die Möglichkeiten des Galuth in besonders rosigem Lichte erscheinen zu lassen, mag dahingestellt bleiben. Hat schon bis zum Kriege der wirtschaftliche Depossedierungsprozeß immer reißendere Fortschritte gemacht, so hat der Krieg selbst den größten Teil der Wirtschaft der Ostjuden mit einem Schlage vernichtet. Überdies wird die durch ihn verursachte sogenannte „Durchstaatlichung der Wirtschaft" auch nachher ein neues furchtbares Mittel für alle Machthaber sein, die Juden durch möglichste Ausschaltung ihres Handels und Sperrung der Rohstoffe für ihre Wirtschaft dem völligen ökonomischen Ruin zuzuführen. Niemals zuvor ist mit solch erschreckender Deutlichkeit das Axiom des Zionismus von der Ohnmacht der Juden gegenüber allen Schicksalsschlägen im Galuth offenbar geworden, als in dieser Kriegszeit. Und das soll der Moment sein, in dem die zionistische Theorie von der Verelendung im Galuth aufgegeben werden soll? Daß durch diese Lage den Zionisten, nahezu der einzigen Gruppe im Judentum, die ein wirkliches inneres Interesse an dem Schicksal der jüdischen Massen nimmt, für ihre Arbeit im Galuth gewaltige Aufgaben erwachsen, soll nicht geleugnet werden, und die Wege, die Heinrich Margulies angibt, sind sicher die richtigen. Diese Arbeit ist aber charakterisiert als Notstands- und Hilfsarbeit, wie sie nach den immer wiederkehrenden Katastrophen des Galuthlebens stets aufs neue geleistet werden muß, und keine solche, die etwa durch eine neugewonnene Erkenntnis nötig geworden ist, daß unsere Galuththeorie — die durch die Ereignisse des Krieges vielmehr eine traurige Bestätigung erhalten hat — eine falsche war. Umsomehr tut es not, darüber zu wachen, daß die Galutharbeit nicht dazu führe, daß die Zionisten ihren Blick von Zion weg und nach Warschau oder Wilna richten, wie es die Galuthenthusiasten der „Freistatt" haben wollten. Wir Zionisten müssen immer dessen eingedenk bleiben, daß man nicht ohne Gefahr zwei Dinge tun kann: nationale Gegenwartsarbeit im Galuth leisten und das Feuer der Opposition gegen das Galuthleben in seiner Seele wachhalten. „Nicht ohne Gefahr", das bedeutet nicht, die Zionisten dürften keine Galuth- *) Vgl. die Artikel: „Zur innerpolitischen Betätigung der österreichischen Zionisten*' und „Die Revision des Zionismus" im Jahrgang 1907 der „Welt". (Eigentlich ist jene Theorie schon in den Bestrebungen der sog. „Hebung", die sich von 1901 und 1902 an geltend machten, aufgehoben. Man vergleiche die damaligen Aufsätze von Buber, Feiwel und Hausmann über die „Gegenwartsprobleme" in der „Welt", das Protokoll des V. Zionistenkongresses, das Programm der demokratischen Fraktion und den Verhandlungsbericht des Olmützer österreichischen Parteitages. Anm. d. Red.) Heft 12. 50

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