Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Galuththeorie des Zionismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 747 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Galuththeorie des Zionismus 747 Aufrichtung und zur Aktivität erfolge, die jetzt von den Zionisten, die durch den Krieg nach Osten verschlagen wurden, entdeckt wird. Ist man sich einmal darüber klar, daß die Frage der Galutharbeit keine solche nach Ja oder Nein sondern eine nach dem Wie ist, so wird der ganze Streit um den Umfang, der ihr innerhalb der zionistischen Tätigkeiten einzuräumen ist, eine Frage der Ökonomie der Kräfte. Ihre richtige Verteilung tut not, aber gerade nicht in Richtung ausgedehnterer Galutharbeit, sondern in der einer Konzentration auf Palästina. Wenn ich hierfür die Verhältnisse in Österreich als Beispiel anführe, so geschieht es, weil sie mir naturgemäß am besten bekannt sind, aber sie sind typisch» Seit jeher haben die Zionisten hierzulande ein leidenschaftliches Interesse für die Galuthpolitik und Galutharbeit bekundet und viel, viel zu wenig für Palästina. Allerdings haben wir auf dem Gebiete der Galutharbeit nicht allzuviel zustandegebracht, aber fast alles, was geleistet wurde, ist von Zionisten und Poalezionisten getan worden, sehon deshalb, weil sie allein ein wirkliches Interesse an dem Wohl und Wehe der jüdischen Bevölkerung nehmen. Das Interesse am fernen Palästina stand weit, weit zurück. Erst in der jüngsten Zeit ist durch die zionistische Jugend Galiziens, die in die hebräischen Schulen geströmt ist, Hechaluzgruppen gebildet hat usw., eine Wendung zum Besseren, d. h. zum Palästinismus eingetreten. Und nehmen wir die Weltorganisation als GanzesI Wie viele von uns sind nach Palästina gegangen, haben das Land auch nur flüchtig besucht, wie groß ist die Zahl derer, die sich ernsthaft mit Palästinaproblemen beschäftigen, welchen Raum nehmen diese in unseren Zeitungen und Almanachs ein? Wie lange ist's her, daß man Hebräisch lernt? Wie beschämend klein ist die Anteilnahme an den wichtigsten palästinensischen Institutionen? Die Landentwickelungsgesellschaft (P. L. D. C), eines der wichtigsten zionistischen Kolonisationsinstrumente, hat in Jahren mühevoller Werbearbeit — 120000 M. aufbringen können! Der jüdische Nationalfonds, diese großartige, von sozialem Geiste erfüllte, populärste und fundamentalste zionistische Institution, hat es nach einem Bestände von Jahrzehnten 1917 auf einen Jahreseingang von zwei Millionen gebracht, eine lächerliche Summe gegenüber der Bedeutung und Ausdehnung der zionistischen Bewegung! Die neue Lage, in die die zionistische Organisation durch die bekannten politischen Vorgänge gebracht worden ist, die sie vor die Wahrscheinlichkeit stellt, die wichtigsten Voraussetzungen für ihre Pläne bei Friedensschluß zu erringen, macht eine intensive Vorbereitung zur Auswertung der Möglichkeiten, die dadurch geschaffen werden dürften, nötig. Konzentration der Kräfte auf Palästina ist das Gebot der Stunde. Jetzt, gerade jetzt, ist nicht die Zeit, wo man den Zionisten zurufen soll, ihre Kräfte mehr als je auf die Danaidenarbeit im Galuth zu verwenden. Die Arbeit des Wiederaufbaus in den östlichen Judenzentren in all ihren Zweigen wird ohnehin vor allem auf die Schultern der Zionisten gelegt werden. Aber quasi programmatisch zu proklamieren, daß der Zionismus sich um alle Sorgen der 131/2 Millionen Juden zu kümmern habe, das geht zu weit. Es tut vielmehr not, daß er sich auf seine ureigenste Aufgabe besinne und sich bereite, die große, vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit zu nutzen. Wird er dies zu tun imstande sein, dann wird er für die jüdische Gesamtheit und ihre Zukunft mehr und Höheres getan haben, als er es selbst durch die ausgreifendste Galuthbetätigung zu tun vermöchte. Wien Adolf Böhm 50*