Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Galuththeorie des Zionismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 744 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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744 Adolf Böhm: schicke des jüdischen Volkes mitbestimmend einwirkt, ist der Zionismus. Er will nicht die jüdische Geschichte ,,bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückschrauben" (wer vermöchte das?), er ist selbst ein Produkt der jüdischen Geschichte und zwar der Galuthgeschichte, nur in dieser möglich, nur aus dieser verständlich. Er will die Krisis lösen, in der sich, als Endprodukt der Entwicklung bis heute, Judentum und Judenheit befinden. Heute befinden. Sein Ideal ist es nicht, diese Lösung darin zu suchen, daß er die Juden, wie schon erwähnt, zu einer Nation machen will, nach Art der andern Nationen, indem er ihnen dieselben „Attribute", die diese besitzen, Land und Freiheit verschafft: diese „Attribute" sind ihm nicht Selbstzweck, sondern Voraussetzungen dafür, daß der jüdische Genius sich gemäß seiner Sonderart schöpferisch entfalten, „das Judentum sich verwirklichen kann" (Martin Buber). Wir glauben, daß dies für die ganze Menschheit noch etwas bedeuten könnte. Deshalb bejahen wir das Kulturzentrum in Palästina nicht in dem Sinne, wie es Seligmann tut, als „auch ein" Zentrum neben den andern Zentren, sondern für uns ist es das Zentrum, ohne dessen belebende Kraft alle andern sogenannten Zentren — die ganz und gar nicht aus innerer Notwendigkeit sich bilden und wieder auflösen, sondern durch den Zwang grobäußerer Notwendigkeiten und Zufälle — in innere Leere verfallen müssen. Das heißt also nicht Geschichte und Entwicklung verleugnen, sondern es bedeutet den heroischen Entschluß, ihnen eine Wendung nach einem im Ideal erfaßten Ziel geben. Die Auffassung, daß das Judentum im Galuth ohne die Aufrichtung des Palästinazentrums verfallen müsse, hat man die zionistische Verelendungstheorie genannt. Gegen diese wendet sich Heinrich Margulies. Er behauptet, daß die Theorie „vom kranken Mann" im Galuth sich ebenso wie die Verelendungstheorie den Sozialismus überlebt habe. Die zionistische Bewegung müsse daher eine Erweiterung erfahren und auch die Diasporajudenheit in stärkerem Maße als bisher in ihr Betätigungsfeld einbeziehen. Auch in diesen Ausführungen finden wir trotz der Weite des Blicks, die sie auszeichnet, letzten Endes eine Verkennung des bewegenden Grundelementes des 'Zionismus. Gewiß hat der Zionismus immer wieder mit der These von der Aussichtslosigkeit des Galuth operiert, aber unrichtig ist, daß, wie Margulies es für die Zionisten des Westens behauptet, irgend jemand Zionist auf dem Wege eines logischen Schlusses geworden sei: Die Juden müssen im Galuth verelenden, also Palästina. Zionist wird man nicht durch logische Überlegung, sondern durch einen spontanen seelischen Vorgang der Erleuchtung, der inneren Umkehr, der Revolutionierung, der eine neue Psyche und einen neuen Willen schafft. Bei Herzl, bei Pinsker, bei den Bilu — immer war es das gleiche: ein Erlebnis — keine Überlegung — beleuchtet blitzartig die Unerträglichkeit des gegebenen Zustandes und zaubert das Gegenbild dazu vor die Seele. Dies ist die Geburtsstunde des neuen Willens — des Zionismus. Die Parallele, die Margulies immer wieder zwischen Zionismus und Sozialismus zieht, kehrt sich, aufs äußerste fortgeführt, gegen ihn selbst. Der Sozialismus will eine neue Gesellschaftsform schaffen, nicht oder nicht letzten Endes darum, weil die Arbeiterschaft in der kapitalistischen Wirtschaft verelenden müßte, sondern weil die erstrebte ausbeutungs- und klassenfreie Gesellschaftsordnung ein Postulat der Ethik, ein hohes Menschheitsideal ist. An diesem gemessen ist auch die enorme Verbesserung der Lage der Arbeiter in den letzten Jahrzehnten, wie die Gegner des Revisionismus es richtig dargetan haben, eine