Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Galuththeorie des Zionismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 743 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Galuththeorie des Zionismus 743 wollen, die schließlich die Perioden des Galuth als „Seitensprünge der Geschichte" ansehen usw. Man fragt sich vergebens, wie ein so gründlicher Kenner jüdischer Dinge eine Theorie konstruieren kann, um sie zu bekämpfen, die nirgends existiert und nie existiert hat; eine Art politischen Karäertums. Gegen solche Kritik genügen ein paar elementare Feststellungen. Der Zionismus hat nie das Galuth, die jüdische Geschichte und Entwicklung negieren, über Bord werfen, vergessen wollen. Seine — mit einem sehr ungeschickten Ausdruck bezeichnete — Theorie der „Verneinung des Galuth" bedeutet etwas anderes: die Verneinung der Möglichkeit, daß das jüdische Volk im Galuth zu einer Vollexistenz im Sinne eines freien Auslebens seiner Anlagen und einer Behauptung seiner inneren Würde gelangen könnte. Und er will nicht — etwa in Verkennung der spezifischen Eigenart des Wesens des Judentums, aus bloßer Nachahmung dessen, was andere Vollnationen besitzen — ihm ein Territorium, rechtliche und faktische Freiheit schaffen, damit das jüdische Volk sei wie andere Völker, wie es Seligmann darstellt, sondern er will diese Voraussetzungen einer jüdischen Vollexistenz deshalb schaffen, weil er im tiefsten überzeugt ist, daß gerade das besondere Wesen des Judentums sich in seiner Eigenart sonst nicht frei entfalten könne, ja mit der Zeit völlig verschwinden müsse. Bezeichnet doch Seligmann selbst dieses Schwinden, die Assimilation, als eine Folge davon, daß die Aterritorialität im Judentum zum Prinzip erhoben wurde. Allerdings hat sich der Zionismus vom Moment seiner Entstehung an in einen bewußten Gegensatz zum Galuth gestellt. Aber dieser war die Folge nicht einer „Ablehnung" des Gewordenen, sondern einer Auflehnung dagegen. Diese Auflehnung entsprang dem verfeinerten Gefühl für Würde, die der Jude gerade durch sein Galuthleben und die damit verbundene Aufnahme nichtjüdischer Kulturwerte erlangte. „Der Zionismus ist ein Kulturgeschenk Europas an die Juden" (Calvary). Ähnlich hat es jüngst Herman Glenn (in Heft 8 dieser Zeitschrift) ausgedrückt: „Die psychische Europäisierung hat einen Grad erreicht, bei dem der nationale Stolz sich nicht mehr mit der rein passiven Rolle des von anderen Mitgeführten begnügen kann". Das Wesen einer revolutionären Ideologie besteht doch nicht darin, daß sie das Gewordene „negiert", sondern daß sie es in einem bestimmten Sinne umändern will. Aber auch die revolutionären Ideen sind Kinder ihrer Zeit, der Zionismus ein Kind des Galuth, das er nicht „negieren", sondern überwinden will. Den Trägern solchen Willens, den Zionisten, — die unter „Verneinern des Galuth" einzig gemeint sein können — wirft Seligmann vor, daß sie, ebenso wie die Bejaher des Galuth, „den Odem der jüdischen Geschichte durch ihre demagogischen Stänkereien trüben"! Soweit sich unter diesem Bilde überhaupt etwas denken läßt, scheinen nach der Ansicht des Autors jene „Stänkereien" in der von ihm behaupteten Verwerfung der jüdischen Geschichte durch die Zionisten zu bestehen. Der Zionismus ist aber keine Geschichtsphilosophie, die rein kritisch oder wertend zu irgend einem Problem der jüdischen Geschichte Stellung nimmt, sondern eine geschichtsgestaltende Macht, die menschliche Seelen und menschliche Taten formt. Seligmann hat an die Spitze seiner Betrachtungen die Bemerkung gestellt, daß die Geschicke jedes Volkes nicht bloß von äußeren Umständen bestimmt werden, sondern auch durch ein aus dem Innern des Volkes stammendes Agens. Ein solches Agens, das aus der Tiefe der jüdischen Seele stammt und auf die Ge-