Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 741

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Palästina und die Erneuerung der Gemeinschaft
Date
1917-01-01
Page
741 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101136-3103090--2197-3103129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Palästina und die Erneuerung der Gemeinschaft 741 Änderung seines ganzen inneren und äußeren Lebens zu wollen. Der Glaube, der in die Landschaft der jüdischen Heroenzeit die künftige Erlösung des Menschen legte, verpflichtet ebenso wie unsere Arbeit an einer ganz neuen, noch nicht in falsche Formen gepreßten Gemeinschaft. Beides verlangt den Versuch, in diesem von aller Tradition außer der des Ideals freien Räume nicht irgend eine, auch nicht die bequemste oder die vorteilhafteste, sondern die gültige und gute Form der Gemeinschaft zu errichten. Stellen wir so die zerrissene Verbindung wieder her, wollen wir in Palästina die höchste mögliche Annäherung des Einzelnen wie der G. meinschaft an ihre ideale Gestalt, so nehmen wir die große Überlieferung der alten Zionssehnsucht wieder auf. Unsere Ideale sind andere als die unserer Ahnen, unser erstes Ziel ist näher gesteckt und weniger gewaltig als das Ziel, zu dem sie der Messias in der fernsten Zeit nach Zion führen sollte. Aber wir dürfen doch hoffen, vor ihnen zu bestehen, wenn wir all unser Wissen um das Gute, den einigen Willen und die gesammelte Kraft, ihm zu dienen, in unser neues Land hinübertragen. Wir müssen die Sünden der europäisch-amerikanischen Umwelt hinter'uns lassen, wenn wir nach Palästina gehen. Alle diese Sünden stammen aus der Leere des Geistes und des Herzens. Der Stoff, der nicht innen ist und den das Lebendige dem Unbereiten nicht gibt, wird ersetzt durch die Fülle der toten Dinge, die von außen hereingerafft werden: Das ist die Habsucht, der Trieb, die innere Leere mit eingefressenen Massen zu stopfen, den Hunger mit dem zu stillen, was nie nähren kann, der maßlose Trieb nach Geld, nach konkretem oder geistigem falschen Besitz. Die Kraft, die keinen inneren Stoff zum Ordnen und Bilden findet, stürzt sich nach außen und verwirrt die Ordnung fremden Lebens: das ist die Herrschsucht, der Trieb, die Sehnsucht nach eigener. Entfaltung durch die Unterdrückung der fremden zu betäuben, der Keim aller Gewalttat Das Gewissen, das sich nicht mehr auf die innere Ehre besinnt, beruhigt sich mit Glanz und Geltung: das ist das Strebertum, die Karrieresucht, die Erstarrung des lebendigen Menschen auf dem Platz und in der Form, die seine amtliche oder gesellschaftliche Stellung ihm vorschreibt. In diesen einfachen und mächtigen Verirrungen laufen die Wege von Hunderten Millionen, sie verleiten und verderben die innere Bewegung der Menschen wie der Völker, sie machen das wesentliche und brüderliche Zusammengehen der Einzelnen wie der Nationen unmöglich. Die Formen der Gesellschaften, der Wirtschaften, der Staaten sind in hohem Maß von ihnen bestimmt und entwickeln sich in ihrer Bahn. Was können wir tun, um den Weg der neuen Gemeinschaft gerade und gut zu machen? Uns nach innen wenden und die falschen Beziehungen zur äußeren Welt abschneiden. Dann werden wir die innere Leere des Menschen, soweit sie auch in uns noch ist, um so schmerzhafter empfinden; aber diese Empfindung soll nicht mit totem Stoff und falschem Geist betäubt werden, sondern würdig ertragen. Vielleicht werden wir dann, wenn wir unsere Leere offenhalten, einmal voll vom Wirklichen und von der Wahrheit. Die Erneuerung des Menschen können wir erhoffen und' können sie durch Rede und Beispiel näher rufen, aber wir können sie freilich nicht machen. Unsere Aufgabe kann auch nicht sein, nur Würdige in das neue Land zu lassen und es andern zu versperren; kein Mensch könnte diese moralische Zensur rechtmäßig üben. Was wir inzwischen herbeiführen können und sollen, ist die Herstellung von Bedingungen, die einem neuen Geist günstig sind, die Beeinflussung der Handlungen unserer Gemein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.