Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Palästina und die Erneuerung der Gemeinschaft
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 740 (sequence 1)
- Language
- German
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740 Ludwig Strauß: PALÄSTINA UND DIE ERNEUERUNG DER GEMEINSCHAFT*) Den Juden im Galuth, denen die Gegenwart des eigenen Landes genommen war, blieb von ihm eine Erinnerung und eine Hoffnung. Die Erinnerung wählte aus dem vergangenen Leben das Größte als Erbe: die Geschichte von dem freien Umgang des Volkes mit einer ihm offenbarten göttlichen Lehre, von seiner Berufung und begonnenen Entwicklung zum Priestervolk. Richtete sich der Blick des landlosen Juden auf das eigene Land der Zukunft, so erschien ihm das Bild eines kommenden Lebens in Erez Israel verschmolzen mit der überlieferten prophetischen Vision von der fernsten Zukunft, der messianischen Zeit: mit dem Bilde des jüdischen Landes als Mitte der erlösten Menschheit, als Herz, in dem das lebendige Gesetz das Blut der Völker aufnimmt und läutert. Nur eine Erschütterung vermochte das Volk in eine Bewegung nach Zion hin zu bringen: das Gefühl, der Messias sei nahe. Und die Rückkehr konnte nicht anders gedacht werden als verbunden mit der vollkommenen Erneuerung und Heiligung des Lebens. Ebenso bedeutete für den Einzelnen, der nach Palästina ging, die Übersiedlung auch die Verwirklichung seines persönlichen menschlichen Ideals; das war für den Galuthjuden das freie und unabgelenkte Studium des religiösen Schrifttums, die ausschließliche Hingabe an die Erkenntnis Gottes und seiner Lehre. Erst die moderne zionistische- Bewegung löste die bis dahin untrennbar scheinende Verbindung der Gedanken an die Rückkehr nach Palästina und an die Verwirklichung des idealen Lebens. Sie schuf eine Organisation, eine Propaganda und Institutionen, deren Ziel lediglich ein nationalpolitisches gleich den Zielen der europäischen Nationalismen war. Die viel schwerere praktische Forderung, die ihr Ziel an sie stellte, zeigte einen Gradunterschied, keinen Wesensunterschied von den im neunzehnten Jahrhundert geläufigen Forderungen nationaler Arbeit. Indessen ließ sich aus der Verbindung des territorialen und des menschlichen Gedankens wohl zeitweilig ein Element abstrakt herausheben, aber sie läßt sich nicht dauernd trennen. Besonders da die menschliche Idee längst Kern der territorialen in solchem Maß geworden war, daß die andere mehr ihr Symbol als ihre Verwirklichungsform zu bedeuten schien. Für die Zionisten, die hinüber gegangen sind und sich in die tätige Gemeinschaft ihres Landes eingeordnet haben, ist ihr Anteil an der äußeren Aufgabe im wesentlichen vollzogen. So muß vielen von ihnen, allen, denen ihr Volk mehr ist als irgendeine der modernen politisch aktivierten Nationen, und denen ihre Gemeinschaft anderes ist als ein Haufe von zufällig jüdischen Kolonisten, die innere Aufgabe wieder erscheinen. Gerade bei den produktiven und aus eigenem Entschluß eingewanderten Teilen des neuen Jischub wird der Gedanke der geistigen Erneuerung des Volkes in Palästina immer mächtiger. (Geistige Erneuerung ist hier nicht im rein spiritualisttschen Sinn verstanden, sondern als Erneuerung des Gemeinschaftskörpers und seines ganzen, auch des wirtschaftlichen, Lebens durch neuen Geist.) Zugleich empfinden auch im Galuth immer mehr Zionisten die Sinnlosigkeit und Sinnwidrigkeit des Unternehmens, das Volk in seine Heimat zurückzuführen, ohne zugleich die *) Dieser Beitrag ist der erste Teil eines größeren Aufsatzes.