Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Chronik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 738 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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738 Amitai: gestaltung in diesen Prinzipien enthalten ist; welches außerordentlich werthaltige Material sie darstellt und welche Fülle von Möglichkeiten und Hoffnungen sie bietet. In jedem Orthodoxen lebt etwas von demselben Ethos, das unsere Idee trägt und unsere Bewegung durchdringen soll. Nur ist es im Durchschnittstypus des Orthodoxen erstarrt und dem Inneren seiner Seele entrückt; zumindest ruht es dann aber in seinen Prinzipien; ihn in den Prozeß der jüdischen Erneuerung einbeziehen, heißt daher nicht, wie beim Assimilationsjuden, ihn menschlich umwandeln, sondern seelisch erwecken; heißt nicht, wie bei jenem, ihm neue Organe für neue Werte geben, sondern seine stumpfgewordenen erstarrten Organe wach rufen. Aus einem Assimilationsjuden Zionist werden, bedeutet — grundsätzlich — menschlich ein anderer werden. Für den Orthodoxen bedeutet es in der Regel, das wahrhaft werden, was er unbewußt, auf Grund der Prinzipien, die er als bindend anerkennt, sein will und soll, im Grunde also er selbst werden. In der Richtung dieser Erweckung zur Selbstbestimmung wird, sehe ich recht, unsere Einwirkung auf das orthodoxe Judentum, die noch beginnen soll, sich vollziehen. Daß diese Einwirkung unsererseits notwendig ist, wenn die Orthodoxie ihrer wahrhaften Bestimmung und dem eigentlichen Sinn ihres Daseins zurückgeführt werden soll, dürfen wir ohne alle Überhebung annehmen. Ihre Geschichte im 19. Jahrhundert hat erwiesen, daß aus ihr selbst heraus nicht Impulse hervorbrechen können, stark genug, sie aus ihrer Verkrustung und Entseelung zu erlösen. Keine der wesentlichen Bewegungen und Gestaltungen der jüdischen Geschichte des 19. Jahrhunderts (Emanzipation, liberales Judentum, Wissenschaft des Judentums, hebräische Literatur, Haskalah, jüdischer Sozialismus) ist durch sie bestimmt oder auch nur mitgetragen worden. Sie hatte nicht einmal die Kraft, zu ihnen Stellung zu nehmen, weder sie wahrhaft zu überwinden noch sie positiv abzuwehren. Ihnen allen gegenüber begnügte sie sich mit der kraftlosen Geste eines starren Anathema, ging ihnen aus dem Wege und mied jede unmittelbare Berührung, die sie zu kräftemessender Auseinandersetzung genötigt hätte. Seit mindestens einem Jahrhundert lebt sie in der zentralsten Schuld, die eine religiöse, auf lebensgestaltende Wirkung tendierende Bewegung überhaupt auf sich laden kann: sie negiert die Wirklichkeit, die Entwicklung, den Fortschritt und sagt zu allen Neuerungen ihr gleich ödes, unfruchtbares Nein. Der einzige Anlauf, den sie zu einer Auseinandersetzung mit den ihr entgegengesetzten Tendenzen der modernen Zeit und des modernen Judentums im Westen unternahm, in der Wirksamkeit und Lehre Samson Raphael Kirschs, war von vornherein zu eng in seinem Horizont und seinem Wollen, zu peripher und äußerlich in seinen Zielen, was schon seine Devise: „Tauroh im Derecherez" anzeigt (wie ärmlich und unzureichend ist dieses sein Derech-erez als Symbol des modernen Daseins), und erstarrte so in dem dürftigen und zwerghaften Gebilde der Trennungsorthodoxie. Unter den Händen seiner Erben aber verlor sich die Großzügigkeit und Innerlichkeit, die dem persönlichen Wirken Hirschs trotz allem anhaftete, und was schließlich zutage trat, war der Versuch einer politischen Organisierung und Neubelebung der Orthodoxie, zuletzt in dem Gedanken der Agudas Jisroel. Er aber gerade beweist, eindeutiger als alles andere, wie. wenig schöpferisch und fähig die heutige Orthodoxie zu innerer Selbsterwecknng ist. Sie durch das Medium der Politik regenerieren wollen bedeutet ihr Eingeständnis der Unfähigkeit zu innerer Erneuerung. Es ist eine fast absurde Tatsache, daß zur gleichen Zeit, da der jüdisch-politische Natio-