Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Chronik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 739 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Chronik 739 nalismus religiös zu werden beginnt, die jüdische Orthodoxie kein stärkeres Sehnen kennt, als politisch zu werden. Und es mag den politischen Führern der Orthodoxie wohl anmaßend erscheinen, wenn ich behaupte, daß der religiös werdende Zionismus berufen ist, die Orthodoxie vor der Gefahr zu bewahren, in welche die Nachahmung des politischen Zionismus sie bringen muß. Die Voraussetzung für eine solche befruchtende Beeinflussung der Orthodoxie durch den Zionismus sehe ich in der beginnenden Umgestaltung unseres nationaljüdischen Gedankens, die das Schwergewicht vom Nationalen auf das Jüdische verrücken will und dahin tendiert, die uralten Formen der jüdischen Gemeinschaftsidee uns anzueignen und neu zu beleben. Solange unser nationaler Gedanke in seinem Wesen nur der westeuropäische Nationsbegriff war, in seiner mechanischen Übertragung auf die jüdische Gemeinschaft fehlte der Orthodoxie die Möglichkeit eines Anschlusses an unsere Bewegung; ein meist unbewußter, aber tiefer und sicherer Instinkt sagte ihr, daß die Übernahme des europäischen Nationalgedankens für das Judentum einen radikaleren — weil das Wesen der Gesamtheit verfälschenden — Abfall vom wahrhaft Jüdischen darstellt, als der persönliche Abfall des jüdischen Einzelindividuums in seiner Assimilation. Erst die positive Überwindung dieses unjüdischen Nationalismus und seine Verdrängung durch einen der ewigen jüdischen Gemeinschaftsidee adäquaten neuen Nationalgedanken (der sehr viel mehr sein wird als nur Nationalgedanke), dieser Prozeß, der unsere innere Blickwendung auf die Orthodoxie erst zur Folge haben wird, schafft auch für sie die Grundlage einer Annäherung an uns und einer allmählichen Einfügung in die Sphäre unserer Auswirkung. Die noch zage, aber schon wahrnehmbare Tendenz der Orthodoxie zur Berücksichtigung der national-politischen und palästinensischen Forderungen des Judentums (auf der Konferenz der Agudas Jisroel), die beginnende Erörterung in den intellektuellen Kreisen der deutschen Orthodoxie über ihre Stellung zum Zionismus, von der Empfindung getragen, daß hier eine Revision not tut, seien uns Anzeichen solcher sich anbahnenden Näherung. In ihrem Fortgang wird diese Entwicklung zu einer Scheidung der Geister führen müssen; damit wird der Prozeß der Auslese, für das gesamte Judentum unserer Zeit wesensgeboten, auch für die Orthodoxen einsetzen. Sicherlich wird ein beträchtlicher Teil sich der Wandlung blind und starr entgegenstellen. Es werden dies vor allem die menschlich angefaulten Elemente eines gewissen Typus bigotter und abergläubischer Orthodoxie im Osten und die in der Konfessionalisierung und Politisierung bereits zu weit verstiegenen Orthodoxen im Westen sein. Was aber im Kern gesund und werthaltig ist in der Orthodoxie — die wirklichen Träger ihrer Potenzen —, wird sich in diesen Wandlungsprozeß einbeziehen lassen und erneuert aus ihm hervorgehen. Sie bilden, dünkt mich, eine der stärksten Hoffnungen des Zionismus von morgen und übermorgen. An uns aber ist es, diesen Prozeß wachzurufen und zu nähren, durch eine ernste, von Verständnis und Respekt getragene Auseinandersetzung mit der Orthodoxie, durch die Erkenntnis ihrer hohen Werte und Qualitäten, durch brüderliche Verbundenheit mit den Trägern der jüdischen Tradition und — das Entscheidende — durch unsere Wandlung von jüdischen Nationalisten zu nationalen Juden, durch die Wiederaneignung der urjüdischen Gemeinschaftsidee als des bestimmenden Gehalts unserer Bewegung, die zugleich deren schöpferische Fortgestaltung sein soll. Amitai