Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Chronik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 737 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Chronik 737 im Westen) hat er die Orthodoxie außer acht gelassen. Daß im weitverzweigten Schulwesen Palästinas nicht eine einzige Schule existiert, die für die Kinder des alten Jischub in Betracht käme (durch Lehrplan und traditionellen Geist), ist das vielleicht bezeichnendste Symptom für unsere bisherige Haltung zur Orthodoxie. Diese Haltung ist erklärlich. Der Werdegang des Zionismus bestand bis heute im wesentlichen in der Entwicklung von der Assimilation zur nationaljüdischen Idee; so war es das Assimilationsjudentum, dem unser Blick fast ausschließlich zugewandt war; ihm galt der Hauptteil unserer theoretischen, gedanklichen und gefühlsmäßigen Auseinandersetzung. Das orthodoxe Judentum war uns auch als Ausgangspunkt fremd. Seine Ablehnung bedeutete uns kein inneres Sichlosringen, sondern nur ein indifferentes, teilnahmsloses Vorbeigehen. Doch scheint mir der Zeitpunkt in der inneren Entwicklung des Zionismus gekommen zu sein, der eine Änderung unserer Beziehung zu jenem notwendig macht. Wir sind innerlich in eine neue Phase der Entwicklung getreten. Der Inhalt der ersten hieß: von der Assimilation zur nationalen Idee; der Inhalt der zweiten wird, sein müssen: von der nationalen Idee zur jüdischen Idee. Der noch vorherrschenden Auffassung des Zionismus als einer nationalpolitischen Bewegung gleich den Nationalismen der anderen Völker beginnt sich die andere entgegenzusetzen, die auf die Voranstellung des spezifisch Jüdischen in seinen Tendenzen und Intentionen dringt; sie begnügt sich nicht damit, ihn als nationale Bewegung zu nehmen, sondern will ihn zu der „jüdischen" Bewegung umformen; dem politischen Zionismus folgt der — wie mir scheint, noch etwas mißverständlich so genannte — „religiöse" Zionismus. Für diesen aber wird die Auseinandersetzung mit der Orthodoxie zur inneren Notwendigkeit, zu einem ebenso zwingenden Bedürfnis wie die Bewältigung und Überwindung des Assimilations- Judentums es für die erste Phase des Zionismus war. Wollen wir wahrhaft zum Judentum zurück, und unsere Einfügung in den Werdeprozeß des jüdischen Wesens und der jüdischen Idee in der Welt vollziehen, so müssen wir mit gesteigerter Aufmerksamkeit uns dem Block des orthodoxen Judentums zuwenden, das den Anspruch erhebt, der lebende Träger des jüdischen Wesens und der jüdischen Tradition zu sein; durch die Konsequenz und Zähigkeit in der Erfüllung aller Gebote, die ihm dieser Anspruch auferlegt, beweist es, daß er zum mindesten zur Genüge legitimiert ist, um ernsthaft geprüft zu werden. Erst eine von wahrhafter Anteilnahme getragene Betrachtung der Orthodoxie wird imstande sein, die vielen in ihr schlummernden starken Potenzen wahrzunehmen, deren fruchtbare Bedeutung für die Gestaltung der jüdischen Zukunft wir heute noch kaum zu ahnen vermögen. Wir sind allzu leicht disponiert, sie zu übersehen. Uns bedeutet die Rückkehr zum Judentum nicht das passive Hinnehmen der tradierten Erbschaft der Jahrhunderte, vielmehr eine aktive schöpferische Umformung, eine Erneuerung des Judentums in seiner heutigen Erscheinung, um zu seinem reinen überzeitlichen Wesen wieder vorzudringen. Hingegen beruht die Eigenart der Orthodoxie, ihre starre Größe und historische Schuld gerade in der Verneinung des Willens und des Rechts zu erneuernder Aktivität. Nur zu leicht werden wir daher geneigt sein, ausschließlich das Starre, Verkrustete, Unlebendige, vor der Kühnheit eigener Entscheidung und Verantwortung Zurückschreckende ihrer Prinzipien und Lebensformen wahrzunehmen und darüber zu vergessen, welche Stärke und Zähigkeit, wieviel an Gradlinigkeit der Seele, an Zucht des Willens und unbeugsamer Konsequenz der Lebens-