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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 734

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Chronik
Date
1917-01-01
Page
734 (sequence 6)
Language
German
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734 Amitai: Der Krieg hat all diese Züge der Seele der deutschen Juden schonungslos und kraß enthüllt. Hätten sie auch nur einen Funken jüdischen Solidaritätsgefühls in sich bewahrt, sie hätten in diesem Kriege Leistungen von bleibender Bedeutung und Werke von rettender Wirkungsstärke vollbringen können. Kein Teil des jüdischen Volkes war (in dieser Hinsicht) im Kriege zu verantwortungsvollerem Amt berufen als sie. An keinen war das Gebot der Zeit, der Ruf der jüdischen Gemeinschaftsidee und der allgemein menschlichen Liebe dringender ergangen als an die deutschen Juden. Aber sie blieben taub für den ehernen Klang seiner Gebote und blind für die flammenden Feuerzeichen der Stunde. Vor ihren Augen ward das russische Judentum dem furchtbarsten Martyrium ausgesetzt, von dem unsere Märtyrergeschichte zu erzählen weiß; sie lasen die Nachrichten mit Unbehagen, bestenfalls mit sentimentalem Bedauern, das die Oberfläche ihrer Seele in träges Säuseln brachte, und verharrten in händeverschränkender Passivität. In ihrer unmittelbarsten Nähe leben seit zweieinhalb Jahren Massen polnischer und litauischer Juden in einer Not, die sich nur erleben, nicht mehr mitteilen läßt; sie begnügen sich damit, fremde Gelder (aus Amerika) zu verteilen, selbst dieses unverdiente Amt zu bevormundender Entrechtung der Unterstützten mißbrauchend. Innerhalb der politischen und militärischen Machtsphäre ihres Landes kämpfen seit zwei Jahren die polnischen und litauischen Juden tapfer und isoliert den Kampf um ihre Rechte als Menschen und Juden, hart bedrängt von feindlichen, gehässigen Majoritäten; ganz auf sich gestellt, von der Verbindung mit den anderen Teilen des jüdischen Volkes abgeschnitten, blicken sie auf die deutschen Juden als die einzigen Helfer; die aber wissen fast nichts von alledem, sehen nicht die bittenden Hände der Brüder im Osten, benutzen vielmehr sich bietende Gelegenheiten, ihnen in den Rücken zu fallen, und schämen sich nicht, aus feiger Furcht vor etwaiger Minderung der eigenen fetten Behäbigkeit sie zu verraten. Über das ganze Erdenrund hin, in allen Ländern, wo Juden wohnen, streitet heute das jüdische Volk um seine Anerkennung als Volk und fordert, daß die Neuordnung der Welt auch seine elementarsten Lebensbedürfnisse sicherstelle; die deutsche Judenheit steht in blinder Ahnungslosigkeit zur Seite, einzig darauf bedacht, die Angriffe des sich neu regenden Antisemitismus mit scheuer kriechender Behutsamkeit abzuwehren und die im Kriege gewährten Offiziersepauletten als den für sie wohl einzigen positiven Ertrag dieser Jahre in die Friedenszeit hinüberzuretten. Überall ist das jüdische Volk in eine neue Phase seines Lebens eingetreten, ein starkes, verpflichtendes Bewußtsein durchdringt seine Teile, machtvolle Impulse bestimmen eine neuartige Haltung der jüdischen Massen; die deutsche Judenheit hat nichts gelernt und nichts vergessen und ist in allem die alte geblieben; nur daß die veränderte Gesamtverfassung der übrigen Teile des Judentums und der neue Aspekt des jüdischen öffentlichen Lebens ihr unverändertes Bild sehr viel trister und unerfreulicher macht als vordem. Oder ist dies zu viel gesagt? Beginnen nicht endlich auch die deutschen Juden die Zeichen der Zeit zu begreifen? Die „Vereinigung der jüdischen Organisationen Deutschlands" (V. J, 0. D.) mit ihrfcm Programm, das die nationalen Forderungen des jüdischen Volkes anerkennt, mag manchem als Zeichen einer beginnenden Wandlung erscheinen. Doch gibt mir dieses Symptom keinen Anlaß zu übermäßigem Vertrauen. Um die deutsche Judenheit zu einem lebendigen, tätigen, schaffenden Glied des Judentums zu erneuern, täte eine wahrhaft innere

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