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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 733

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Chronik
Date
1917-01-01
Page
733 (sequence 5)
Language
German
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Chronik 733 Gefahr ausgesetzt sind. Um so mehr tut es not, das Bewußtsein wachzurufen, daß unser Wille, Volk gleich allen Völkern zu sein, nur die elementarsten, äußerlichsten, weil allen gemeinsamen Bedürfnisse und Formen unserer Existenz betrifft; daß aber in allen inneren, wahrhaft sinngebenden und entscheidenden Dingen unseres Daseins die Idee unserer prinzipiellen Andersartigkeit allein bestimmend sein darf, die von keiner noch so umfassenden und bedingungslosen politischen Anerkennung und Erfüllung unserer Forderungen durch die Mächte der Weltpolitik überhaupt tangiert, geschweige denn gar erschüttert und gebrochen werden kann. IL Die Anzeichen der neuen Phase des jüdisch-politischen Lebens sind in den letzten Monaten so augenfällig geworden, daß sogar das deutsche Judentum sie wahrzunehmen und auf ihre Forderungen sich einzustellen beginnt. Sogar das deutsche Judentum. . . Mit diesem Wort eröffnet sich ein langes und trauriges Kapitel aus der Geschichte des jüdischen Volkes im Weltkrieg, über das erst künftige jüdische Geschlechter mit der ganzen Wucht und Schärfe des Urteils ihren Richtspruch werden fällen können, das aber in seiner Bedeutung als vernichtende Anklage der deutschen Judenheit schon jetzt der Beurteilung offensteht: das Kapitel von dem völligen Versagen der deutschen Juden im Kriege. Es hat erst des Krieges bedurft, um die erschreckende Hohlheit, den völligen Mangel an Verbundenheitsgefühl und Verantwortungsbewußtsein gegenüber der jüdischen Gesamtheit vor aller Welt bloßzulegen, die nahezu unbegreifliche Instinktlosigkeit für die großen Gebote und Bedürfnisse der Zeit, die das deutsche Judentum unserer Tage (gesehen als jüdischer Organismus) kennzeichnen. Nur einzelne unter uns haben schon vor dem Kriege die innere Verfassung der deutschen Judenheit in ihrer Fäulnis und heillosen Zerrüttung erkannt. Die überaus wirkungsmächtige, in vielen Dingen fast zentrale Stellung, die sie innerhalb der jüdischen Gesamtheit einnahm, verdeckte ihre innere Morschheit und ließ glauben, sie sei durch wahrhafte Werte und Qualitäten zu solcher Stellung berechtigt und berufen. In Wahrheit waren diese Position und die Stärke ihres Einflusses auf das gesamtjüdische Leben in erster Reihe bedingt durch äußere Umstände negativer Art: durch ihre Nachbarschaft zum Zentrum des jüdischen Lebens in Rußland und die durch die russischen Verhältnisse bewirkte Fesselung des russischen Judentums. Von außen her war ihr die Rolle als Helfer und Schützer zugefallen. Welch brüderliches Verhalten und Tun hätten Verantwortungsbewußtsein, Gemeinschaftsgefühl und schöpferischer Liebesaffekt auslösen können, hätte sie sich von wahrhaft solidarischer Gesinnung leiten lassen. Sie aber wandelte ihr Amt als Helfer in das eines Vormunds und verzerrte die Liebesbetätigung, zu der sie berufen war, zu wohlwollender und niedriger Philanthropie. Nicht aufrichtiger, liebender Verbundenheit entspringender Drang zu helfen bestimmte sie in ihrer sozialen und politischen Betätigung im jüdischen Leben, sondern der Kitzel der zur Schau gestellten Machtposition, die eitle Befriedigung des vom Schicksal begünstigten reichen Onkels, der seine armen Verwandten begönnert und bevormundet. Wieviel Lieblosigkeit, Mangel an Feingefühl und menschlichem Takt, ja, sagen wir es unverhüllt, wieviel Unanständigkeit und niederes Protzentum in der Philanthropie der deutschen Juden lag, weiß ein jeder, der — ein Beispiel nur — im Vorzimmer deutsch-jüdischer „Hilfsvereinigungen für osteuropäische Juden" je gewesen ist.

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