Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Chronik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 735 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Chronik 735 Wandlung not; wie sollte aber eine solche sich vollziehen können ohne Kämpfe und Krisen, ohne inneres Ringen und Bemühen, ohne Krampf und ohne Zuckung, vielmehr harmlos und über Nacht am grünen Tisch einer Kommission, in höflicher Konzilianz und freundlich lächelndem Entgegenkommen, kurzum: so wie die V. J. 0. D. entstanden ist? Deren Gründung, vor allem die Art ihres „Zustandekommens" zeugt wirklich nicht für die Gesinnungsstärke der deutschen Judenheit, die gestern assimilatorisch, heute schon beinahe national ist, gleich instinktlos in beiden Haltungen und von nichtsahnendem Unverständnis für den Ernst der Lage auch bei dieser Wandlung. Wie lau muß ihre Atmosphäre, wie morsch ihre innere Verfassung sein, wenn ihr Anschluß an das kämpfende, Zukunft schaffende Judentum unserer Tage sich in solcher unbemerkten, diskreten und unbeschwerten Leichtigkeit vollziehen kann. Wahrlich, müßte man diesen Anschluß als durch die V. J. 0. D. definitiv vollzogen und deren Gründung als den Akt der Entscheidung ansehen, zu dem jeder einzelne Jude wie jede jüdische Gruppe unserer Zeit berufen ist, man könnte nicht anders denn blutenden Herzens, aber unter dem ehernen Zwange der Wahrheit den Stab über die deutsche Judenheit brechen. Um einen Rest von Hoffnung in sie noch setzen zu können, sei der Gründung der V. J. 0. D. nicht solch innere Bedeutung zuerkannt, sei sie vielmehr als eine prinzipiell unveränderte, die bisherige Form deutsch-jüdischer Politik beibehaltende „Aktion" der deutschen Juden genommen, um in der ihnen gemäßen Art dem Gebot der Stunde Folge zu leisten. Innere Wandlungen von solcher Aktion zu erwarten, hieße ihr Niveau und ihre Sphäre verkennen. Aber auch als rein äußeres Geschehnis sei sie begrüßt, als ein Schritt nach vorwärts, als ein erstes, wenn auch noch sehr dumpfes Aufhorchen auf den Ruf der Stunde. Der 4 wahre innere Wandlungsprozeß innerhalb der deutschen Judenheit wird unberührt durch diese „Gründung" seinen Fortgang nehmen. Nur wird er nicht die deutsche Judenheit als Gesamtheit zum Objekt haben, sondern einzelne, wenige, die jüdisch und — prinzipiell gesprochen — wohl auch menschlich gesündesten und wertvollsten ihrer Elemente. Durfte man vor dem Kriege vielleicht noch hoffen, der Funke der jüdischen Erneuerung werde eines Tages auf die Gesamtheit der deutschen Juden überspringen und in ihr den Brand innerer Umwandlung entfachen, so hat der Krieg diese Hoffnung zunichte gemacht. Um solcher Gesamterneuerung fähig zu sein, ist sie zu wenig Masse, als Ganzes daher zu wenig von irrationellen, triebhaften, seelischen Elementen beherrscht, und zu wenig Organismus und darum nicht genügend mit vitalen, sicheren Instinkten begabt. Sie ist zu atomisiert, zu sehr zersetzt^ um noch als ein wahrhaft Ganzes, als innere Einheit reagieren zu können. Ihr jüdischer Erneuerungsprozeß wird darum immer nur ihre einzelnen individuellen Elemente erfassen können; solcher aber bietet das deutsche Judentum in verhältnismäßig größerer Zahl als irgendein anderer Teil des jüdischen Volkes. Die Idee des „Schear jaschub" (ein Rest kehrt zurück), die den Gesamtprozeß der Umkehr und Neubelebung des Judentums zu bestimmen, darüber hinaus aber ein konstitutives Prinzip unserer Geschichte überhaupt zu sein scheint, wird sich innerhalb der deutschen Judenheit wohl radikaler und konsequenter realisieren als irgendwo sonst. Vielleicht ruht hier etwas von ihrem Sinn und ihrer Aufgabe in der neueren jüdischen Geschichte. So gesehen, wäre sie dazu berufen, der jüdischen Zukunft die Einzelindividualitäten zu geben, deren