Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Chronik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 732 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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732 Amitai: überraschenden Wucht getan. (Damit erledigt sich auch die teils nichtssagende, teils böswillige Banalität des häufig gehörten Hinweises unserer Gegner, daß uns die Mächte nicht um unseretwillen, sondern aus eigennützigen Interessen anerkannt haben. Eben daß sie es aus solchen Motiven taten, gibt ihrer Anerkennung erst ihre Bedeutung für uns, weil sie unsere reale Stärke manifestiert.) Sehr viel gefährlicher aber als solche Verkennung der wirklichen Bedeutung unserer weltpolitischen Anerkennung wäre jegliche Überschätzung, der wir wie jeder von langjähriger Unbeachtetheit und abseitiger Existenz zu plötzlicher Geltung Gelangte leicht zugänglich sind. In rein politischer Hinsicht müßte sie dazu verführen, Sicheres zu erwarten und mit Bestimmtheiten zu rechnen, wo bestenfalls nur Aussichten und Wahrscheinlichkeiten bestehen; sie würde uns zu einer Überschwenglichkeit und exaltierten Verstiegenheit in der seelischen Einstellung verleiten, wo doch unbedingte Sachlichkeit und sichere Distanz des Blickes not tut. Weitaus gefährlicher aber wäre solche Überschätzung in Hinsicht des Geistes und des Ethos unserer Bewegung. Sie beginnt in dem Augenblick, da sie uns das Bewußtsein unseres prinzipiellen Andersseins im Vergleich mit den heutigen Nationen verlieren und unsere äußere Einfügung in die weltpolitische Sphäre als eine innere Gleichsetzung mit ihren Gliedern empfinden läßt Wie immer auch die politische Tendenz des Zionismus in ihrer Bedeutung für seine Ideologie und das Bewußtsein der Zionisten bewertet werden mag, in keinem Falle wird sie mehr als eine Voraussetzung sein dürfen, deren erfüllendes Ziel nur durch die Idee unserer Sonderart bestimmt sein kann. Das Volksein gleich den anderen Völkern mag unumgänglich sein zur Schaffung der Lebensformen, die uns die freie Auswirkung unserer Kräfte ermöglichen; Sinn und tragenden Gehalt des Zionismus kann nur der Gedanke des jüdischen Sonderseins bilden. Unter dem Aspekt unseres nationalen Ethos wäre auch die restlose Verwirklichung unserer nationalpolitischen Forderungen nicht die Erfüllung des Zionismus, sondern erst sein eigentlicher Anfang, die äußere Voraussetzung, mit seiner wahrhaften Verwirklichung zu beginnen. Gesetzt den Fall, die bestmögliche Folge unserer weltpolitischen Anerkennung wird mit dem Ende des Krieges Wirklichkeit, und wir bekommen Palästina, mit allen politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Besitznahme des Landes, so setzt damit der eigentliche Zionismus erst ein: jener Zionismus, der den Willen und die Aufgabe des jüdischen Volkes zum Aufbau seines, des jüdischen Palästina bedeutet, dem das geographische Palästina nur die irdische Stätte seiner Verwirklichung ist, jenes wahrhaften Zion, das in seinem Wesen nur von innen heraus, durch seine geistigen und menschlichen Intentionen, gestaltet werden kann. Hat uns eine zweitausendjährige Verfolgung nicht zur Preisgabe unseres Sonderseins zwingen können, so soll auch keine plötzliche Anerkennung unserer nationalpolitischen Rechte uns dazu verführen. Schon einmal allerdings hat solche Gleichberechtigung das einzelne jüdische Individuum zum Verrat an seinem jüdischen Sondersein verleitet: im Prozesse der Emanzipation und Assimilation des neunzehnten Jahrhunderts. Was gegenwärtig droht, ist die Wiederholung einer gleichartigen Verirrung in viel bedeutenderem und größerem Sinne: die Emanzipation unseres Volkes als Volk und seine Assimilation als Ganzes an die anderen Völker: in der Übernahme der Nationalideen der anderen Nationen und dem Verlust seines einzigartigen nationalen Ethos. Es sind die radikalsten jüdischen Nationalisten, die Nurnationalisten, die am stärksten dieser