Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Chronik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 731 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101136-3103089--2186-3103119- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Chronik 731 liegen: daß die politische Tendenz unserer Bewegung sich erfüllt hat, bevor wir sie innerlich noch überhaupt bewältigt, bevor wir ihr den ihr gebührenden Ort in der zionistischen Theorie und — wichtiger noch — in unserem zionistischen Bewußtsein angewiesen haben. Hinzu kommt, daß wir, lange Jahrhunderte hindurch politischem Leben entwöhnt, überhaupt unsicher und instinktlos in unserem Verhalten und Agieren in politischen Dingen geworden sind, und so nicht einmal den Vorzug piner organischen Tradition und Erziehung haben, die uns, gewissermaßen vom rein Instinktiven her, vor Entgleisungen und Verstiegenheiten in unserer Einstellung zu schützen vermöchte. Ich sehe Möglichkeiten solcher falschen inneren Haltung nach beiden Seiten hin. Es gibt welche unter uns — und so manche unserer Besten sind disponiert, ihnen anzugehören —, die geneigt sein werden, jede wahrhafte Bedeutung unserer weltpolitischen Anerkennung achselzuckend zu verneinen, das Ganze mit einer skeptisch-ironischen Geste abzutun und es innerlich zu ignorieren. Wer den Gang der jüdischen Politik in den verschiedenen Ländern, ganz besonders auch im Kriege, verfolgt, wird immer wieder diese unsere Neigung wahrnehmen können, die wirkende Bedeutung realer Fakta zu verkennen und zu unterschätzen. Es offenbart sich hierin eine der ursprünglichen und wesenhaften Anlagen des jüdischen Geistes, die gegebene Realität als solche, insofern sie noch unvergeistigt und ungestaltet ist, zu mißachten, ja kaum zu sehen. Im Galuth ist diese Disposition noch außerordentlich verstärkt worden. Dauernd verfolgt und von den anderen Völkern mißhandelt, lebten wir stets im Bewußtsein, gegen die Beschimpfung und Vergewaltigung seitens der Anderen im höheren Rechte des Geistes zu stehen; die innere Kraft, dieses Martyrium zu ertragen, schöpften wir eben aus diesem elementaren Gefühle an einem höheren Reiche teilzuhaben, als es die Sphäre der realen politischen Macht ist. Dies führte dann in der jahrhundertelangen einseitigen Übersteigerung des Ghettos zur Herausbildung einer Art von skeptischer Ignorierung und spöttelndem Mißtrauen aller Realität gegenüber, die heute ein dauerndes Hemmnis unserer national-politischen Auswirkung bildet. Eine solche Stellungnahme zu unserer weltpolitischen Anerkennung wäre falsch, und würde übersehen, daß — alle unmittelbaren politischen Folgen und Wirkungen ungerechnet — sie auch unter geistesgeschichtlichem Aspekte von offenkundiger Bedeutung ist. Sie ist vor allem ein eindrucksvolles Symptom der realen Kraft unserer Bewegung, die schon so stark geworden ist, daß Männer und Regierungen, die es nur mit real-politischen Tendenzen zu tun haben, mit uns rechnen. Dies bedeutet recht viel. Jede Idee ethischer, religiöser und geistiger Art, insofern sie von einer die Wirklichkeit umgestaltenden Intention getragen wird, muß früher oder später ihr Daseinsrecht auch darin manifestieren, daß sie zu einer realen Macht in der politischen und sozialen Sphäre des öffentlichen Lebens wird. Es ist dies eine Art von Berechtigungsnachweis, den die Wirklichkeit fordert, wodurch sie sich gegen ihre Vergewaltigung und Verunstaltung durch blutlose, lebensfremde, einer toten Intellektualität und unorganischen Geistigkeit entsprungene Ideenschemen und Gedankenkrüppel schützt. Wir hatten bisher den Beweis solcher lebensgestaltenden Kraft und damit unseres Rechts zu wirklichkeitserneuernden Forderungen nur innerhalb der jüdischen Gemeinschaft erbracht. Ging aber unser Streben auf Einfügung unseres Volkes in das Ganze des heutigen Lebens der Völker, so mußten wir solchen Beweis auch nach außen hin erbringen, und wir haben dies durch Anerkennung seitens der führenden Mächte, mit einer uns selbst 49*