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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 12 · p. 730

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 12
Article
Chronik
Date
1917-01-01
Page
730 (sequence 2)
Language
German
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730 Amitai: Nationen, die diesen Krieg entfesselt haben, ohne heute mehr die Macht über seinen Fortgang und seine Beendigung zu haben, vielmehr, aus tausend Wunden blutend, seelisch schon halb durch ihn gebrochen, doch nicht mehr genügend Einsicht und Kraft besitzen, um dem Chaos zu entfliehen oder es zu bändigen, sollte uns, die wir bis heute innerlich von ihm nicht erfaßt worden sind, eine erschütternde Lehre sein, auch in Zukunft uns vor jedem Mit verstrickt werden zu bewahren. Nichts mag uns sicherer vor solcher Gefahr schützen, als die bewußte Fixierung unseres Standpunkts zum Prozeß unserer weltpolitischen Anerkennung unter dem Aspekt der Tendenzen unseres Daseins und unserer Geschichte. Wir haben diese Anerkennung erstrebt und seit den ersten Tagen unserer Bewegung uns als Ziel gesetzt. Mit solcher Selbstverständlichkeit und Intensität haben wir es getan, daß den meisten der volle Sinn dieser Zielsetzung entging, während sie doch, in all ihren Konsequenzen erfaßt, ein radikales und folgenschweres Novum in unserer Geschichte darstellte. Unsere Einfügung in das System der Weltpolitik erstreben, hieß — zum mindesten in der politischen Seite unseres Daseins — unsere grundsätzliche Gleichsetzung mit den anderen Völkern vollziehen. Und wir hatten doch bis zu unseren Tagen nichts von solcher Gleichsetzung wissen wollen; waren immer und überall ein esoterisches Volk gewesen; waren zwar stets und vielfältig in die Wirrnisse des politischen Geschehens der Völker verstrickt, oft in furchtbarer Weise von ihm betroffen worden, hatten es aber abgelehnt, aktive Mitspieler in der politischen Geschichte der Nationen zu sein. Und hatten es vielmehr vorgezogen, indirekt allein durch das Medium des Geistes und des Ethos, dafür aber in sich stetig steigerndem, unvergänglichem Einfluß auf die anderen zu wirken; hatten uns immerdar als Sondervolk empfunden, als „Am olam" und das „Volk des Geistes", und, inbrünstig an unsere Auserwähltheit und Sondermission in der Welt glaubend, immer wieder bekannt: „Lo kechol hagojim beth Jisrael" (Nicht allen Völkern gleich ist das Haus Israel). Nun sollten wir uns in das politische Gefüge der heutigen Menschheit einreihen, sollten mit Ben-Jehuda, den in der Sicherheit seiner zionistischen Instinkte bewundernswerten Vorläufer unserer Bewegung, sprechen: „Nijeh na kechol hagojim beth Jisrael" (So seien wir doch wie alle Völker, Haus Israel). Wenige nur empfanden, daß damit ein radikal Neues in unser Dasein hineingetragen wurde; und heute noch ist es der Mehrzahl unter uns nicht zum Bewußtsein gekommen, daß hier ein Konflikt zweier Tendenzen besteht, den wir noch keinesfalls versöhnt und überwunden haben. Denn die von uns aus vollzogene Gleichsetzung mit den anderen Völkern sollte doch niemals die Preisgabe unserer Sonderstellung und des Glaubens an unsere Auserwähltheit bedeuten. Vielmehr scheint uns gerade die Verwirklichung unseres politischen Programms nur die Voraussetzung zu sein für eine gesteigerte, von einer schöpferischen Erneuerung des Volkes getragene Erfüllungsmöglichkeit unserer Mission in der Welt. Die synthetische Verschmelzung dieser beiden Intentionen harrt noch heute ihres Vollzuges; in der sich erst in allerletzter Zeit herauskristallisierenden Scheidung und Gegenüberstellung eines „religiösen" und „politischen" Zionismus manifestiert sich die erwachende Erkenntnis von dem Vorhandensein dieses ideologischen Konflikts, erfüllt sich mithin erst die Voraussetzung für seine Lösung und Überwindung. Darin scheint mir nunmehr der eigentliche Sinn, der außerordentliche Ernst und die geistesgeschichtliche Problematik unserer gegenwärtigen Situation zu

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