Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Chronik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 729 (sequence 1)
- Language
- German
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CHRONIK i. us allen Anzeichen und Regungen der Zeit verspürt man es, daß das Leben Jf^des jüdischen Volkes, sofern es sich in äußeren Wirkungen und Akten sozialer und politischer Art manifestiert, im Verlauf des Kriegs in ein neues Stadium getreten ist. Was dieses von dem bisherigen Zustand unterscheidet, ist die in diesen Kriegsjahren vollzogene Einfügung unseres öffentlichen Daseins in die politischen Entwicklungen und Bewegungen der großen Nationen, und damit in das sehr seltsame und fragwürdige Gebilde der heutigen „Weltpolitik". Von einer solchen Einfügung in die Sphäre des weltpolitischen Lebens und Sichauswirkens der Völker waren wir bis zum Kriege weit entfernt. Wohl hatte die moderne national-jüdische Bewegung und ihre stärkste und plastischste Ausdrucksform, der. Zionismus, von Anbeginn die Tendenz auf eine solche Einordnung — und eine ihrer, auch in geistesgeschichtlichem Sinne entscheidenden Intentionen ist hier zu finden —, aber realisiert war diese Tendenz vor dem Kriege noch nicht. Einige wenige vorausschauende Politiker in den verschiedenen Ländern hatten die weltpolitische Bedeutung der zionistischen Idee erfaßt; hier und da gelang uns auch manch schüchterner Versuch, Zutritt zur weltpolitischen Arena zu gewinnen; im wesentlichen aber blieben wir eine jener esoterischen Strömungen, wie sie so vielfach neben dem breiten Strom der Weltpolitik dahinfließen, zuweilen mit manchem seiner Ausläufer in Berührung kommend, ohne aber wahrhaft in sein Stromnetz einbezogen zu sein. Diese Situation hat im Kriege eine umstürzende Wandlung erfahren. Wie er so manche vordem kaum gesehenen, geschweige denn beachteten politischen und kulturellen Bewegungen in ungeahnter Weise zu Faktoren von machtvoller Wirksamkeit gesteigert hat, so zog, ja riß er auch uns in die Brandung des weltpolitischen Lebens, vielmehr weltpolitischen Chaos, aus dem eine neue Form weltpolitischen Daseins erst unter unsagbaren Krämpfen und Leiden geboren werden soll. Dieser Prozeß, in seinen einzelnen Phasen bekannt, hat seinen sinnfälligsten Ausdruck in den Erklärungen gefunden, in denen in den letzten Monaten die drei am Zionismus unmittelbarst interessierten Staaten, England, die Türkei und Deutschland zu ihm Stellung genommen haben. Das laute Echo dieser Kundgebungen in der internationalen Presse verstärkt ihre Resonanz und zeugt von ihrer allgemein empfundenen Bedeutung. Der Prozeß der Anerkennung unseres nationalen Daseins und unserer nationalen Aspirationen durch die leitenden Faktoren der Weltpolitik ist damit in seiner ersten Phase abgeschlossen. An diesem Punkte der Entwicklung wird es für uns notwendig, innerlich haltzumachen, Distanz zu den Ereignissen zu gewinnen und unsere Stellungnahme zu überprüfen. Wir dürfen keinesfalls uns in den Wirbel des gegenwärtigen weltpolitischen Hexensabbats hineinziehen und so die Freiheit und Souveränität unserer Haltung gefährden lassen. Das furchtbare Beispiel der europäischen Heft X2j 49