Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 724

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die jüdischen Dialekte [Rezension]
Date
1917-01-01
Page
724 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101135-3102955--2171-3103073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

724 Bücherschau unsere syntaktische Denkweise. Daher verrät sich der Sprachfremde, auch wenn er die Sprache gründlich beherrscht, durch den Akzent. Die Bastardaussprache, entstanden in der Zeit der Dialektbildung, pflanzte sich durch die phonetischen Elemente der beiden nebenbuhlerischen Sprachen fort, indem die Isolierung der Gemeinschaft von Generation zu Generation mithalf. Was nun die jüdischen Dialekte betrifft, so drängt sich die Rolle einer konkurrierenden Sprache ganz besonders auf. In den langen Jahrhunderten des Wanderlebens hatte das jüdische Volk manches Mal die Sprache geändert. Das Aramäische und das Persische ersetzten das Hebräische, dann kam das Griechische, gefolgt vom Lateinischen, und an dessen Stelle traten die romanischen Sprachen, um ihrerseits von dem Deutschen vertrieben zu werden. Eines Tages wird sicherlich der Sprachforscher in dem Jüdisch-Deutschen die Spuren dieser unfreiwilligen Unbeständigkeit entdecken. Aber neben den unbestimmten Erinnerungen, die die vergessenen Sprachen in dem Wortgedächtnis des umherwandernden Volkes hinterließen, steht der fortdauernde, ununterbrochene Einfluß, den eine einzige Sprache auf den jüdischen Geist ausgeübt hat, die ohne lebend zu sein, niemals im Ghetto tot war: das Hebräische. Man vergißt oft die wichtige Rolle, die die alte jüdische Schule gespielt hat und noch heute in sprachlicher Hinsicht spielt. Alle Kinder Israels vom frühen Morgen bis zur vorgerückten Nachtstunde versammelnd, hielt diese Schule, der Cheder, die jüdische Jugend in einer ausschließlich hebräischen Atmosphäre fest. Die [Liturgie und die Dogmen waren nicht der einzige Unterrichtsgegenstand, sondern an der Hand der Bibel und des Talmuds studierte man alle Gebiete des Lebens und alle literarischen Gattungen. In diesen geistigen Heimstätten verfolgte man diese Studien mit dem größten Eifer während des ganzen Lebens; außerdem wurden dort die Briefe nur hebräisch abgefaßt und geschrieben. Quantitativ und qualitativ war es die alte Nationalsprache, die die jugendlichen Köpfe beherrschte, und das Idiom des täglichen Lebens mußte diese Herrschaft verspüren. Der Verfasser hat somit wohl das unbestreitbare Verdienst, die ganze Wichtigkeit der Religion in der Existenz der jüdischen Dialekte gezeigt zu haben, aber er hat ihre Bedeutung auf Kosten des wahrhaften Urhebers der sprachlichen Veränderungen, der Konkurrenz der Sprachen, übertrieben. Die Juden haben immer Dialekte geschaffen, weil sie sich, wenn sie ein neues Idiom annahmen, noch immer unter dem Einfluß des verlassenen und unter der Wirkung des Hebräischen, das ihre Erziehungssprache und dauernd das einzige Vehikel des sittlichen und geistigen Lebens war, befanden; sie eigneten sich die Landessprache auch In der Folge nicht an, weil die Religion sie von der eingeborenen Bevölkerung isolierte. Man muß dem Verfasser noch die kategorische Sicherheit vorwerfen, mit der er die Zukunft des Jüdisch-Deutschen voraussagt. Sicherlich kann man vom humanitären Standpunkt aus sich des beredten Nachdrucks freuen, mit dem er sich gegen die aus Unwissenheit und Vorurteil stammende Verkennung und Verachtung der jüdischen Dialekte erhebt; man kann ihm nur beifällig zustimmen, wenn er im Namen der Gerechtigkeit und Billigkeit die Autonomie des Jüdisch-Deutschen in Gleichstellung mit den andern emanzipierten Sprachen fordert; man kann diesem Dialekte eine so glänzende Zukunft, wie sie irgend möglich ist, wünschen. Aber objektiv ist man wohl genötigt, gewisse Reserven für diese Zukunft zu formulieren, und zwar auf Grund der Prinzipien, die von dem Verfasser selbst reichlich bewiesen worden sind. Damit der Dialekt sich erhalten kann, ist ein Ausschließungsfaktor — sei es ein abgetrenntes Gebiet oder eine Religion — unbedingt erforderlich. Hier ist ein Gesetz von den Tatsachen selbst aufgestellt, und der Verfasser betont mit Recht die unwandelbare Natur der Sprachgesetze, die keine Ausnahmen dulden. Nun aber fehlt im Fall der jüdischen Dialekte die Gebietstrennung, und auch die konfessionelle schwindet mehr und mehr. Die Versicherung des Verfassers stützt sich auf die Tatsache, daß in den slawischen Ländern das Jüdisch-Deutsche von dem Deutschen geographisch getrennt und der konfessionellen Vormundschaft enthoben ist. Aber diese geographische Entfernung schützt es nur vor der deutschen Assimilation; aber wie wird es sich gegen die mächtigen slawischen Sprachen, das Russische und das Polnische verteidigen? Kennt die Sprachforschung einen ähnlichen Fall von Widerstand? Ist das literarische Gedeihen des Jüdisch-Deutschen in jüngster Zeit ein Beweis für dessen Langlebigkeit? Erkennen wir an, daß es kindisch sein würde, das baldige Ende des Jüdisch-Deutschen zu prophezeien. Das Leben der Völker und seiner Sprachen ist zu verwickelt und es birgt zu viel Unvorhergesehenes, als daß man es unternehmen dürfte, über sein Schicksal auf Grund eines Gesetzes zu entscheiden. Wenn man

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.