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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 723

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Die jüdischen Dialekte [Rezension]
Date
1917-01-01
Page
723 (sequence 4)
Language
German
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Bücherschau 723 zu wünschen übrig, und seine Hauptschlüsse ruhen oft auf einem schwankenden Boden. Aus den zahlreichen Tatsachen, die angeführt werden, um zu beweisen, daß die konfessionelle Verschiedenheit einen sprachlichen Unterschied erzeuge, geht lediglich hervor, daß diese Verschiedenheit, sofern sie allein wirkt, gewisse verbale Wandlungen zur Folge hat; aber im Gegensatz zur Ansicht des Verfassers kann sie niemals einen klar gesonderten Dialekt schaffen, der den Menschen, die die Muttersprache sprechen unverständlich ist. Das Bulgarisch der Muhammedaner und der Katholiken in Bulgarien, das Türkisch der Armenier und der Griechen in Kleinasien, das Englisch der Irländer, das Griechisch der katholischen Hellenen sind keineswegs gesonderte Dialekte. In Syrien gibt das Arabische hierfür ein typisches Beispiel ab. Trotz gewisser Besonderheiten, die dieses Idiom in christlichen Ortschaften charakterisieren, bestreitet niemand die Einheit der Sprache in Beirut, Damaskus und in allen andern Städten mit einer aus Muhammedanern und Christen gemischten Bevölkerung. So interessant und lehrreich diese Idiomunterschiede auch für den Sprachforscher sind, sind sie doch im Gebrauch geringfügig und belanglos. Das Gleiche gilt von dem Arabisch der eingeborenen Juden. Diese Tatsachen kommen im ganzen Orient vor, wo die Religion noch ihre allmächtige Rolle spielt und ihre Anhänger nicht nur moralisch, sondern auch materiell, räumlich isoliert, denn jeder Religionsgemeinschaft ist ein besonderes Städteviertel zugewiesen. Und nicht genug daran. In allen Fällen, wo der Verfasser die Religion als einzigen dialektbildenden Faktor ansieht, muß man den Kausalzusammenhang weiter verfolgen und sich fragen, wie es z. B. möglich war, daß eine gewisse Anzahl wahrer Bulgaren im Gegensatz zur ganzen Nation den Islam annahm, oder welches diese kleine Minderheit von Griechen ist, die von der Regel ihres Landes eine Ausnahme bildeten und zum Katholizismus übergingen. Es ist wahrscheinlich, daß man im Fortgang der Forschung schließlich entdecken wird, daß konfessionelle Besonderheit hier mit einer Besonderheit des Ursprungs und der Sprache zusammentrifft. Sicherlich wären die sprachlichen Unterschiede ohne die trennende Macht der Religion in diesen Fällen verwischt worden, und die sprachliche Anpassung wäre eine unumschränkte geworden. Die Glaubensformen, der Kultus und das geheiligte Schrifttum haben die spezifischen Eigentümlichkeiten des veränderten Idioms erhöht, aber der Ursprung dieser Veränderung geht immer auf die ursprüngliche Mannigfaltigkeit der Sprachen zurück. Man muß diesen Punkt besonders hervorheben. Die Rasse im anthropologischen Sinne des Wortes übt keinerlei Einfluß auf die sprachliche Anpassung aus. Die in Paris erzogenen afrikanischen Neger oder in London aufgewachsenen Hindus sprechen französisch oder englisch genau wie die echten Bürger dieser Städte. Was die Sprache betrifft, unterscheiden sich die im Norden der Vereinigten Staaten von Amerika wohnenden Schwarzen in nichts von ihren weißen Mitbürgern. Das aufgegebene Idiom ist es, das die Gesamtheit ebenso wie den Einzelmenschea daran hindert, eine neue Sprache völlig anzunehmen. Die Muttersprache leistet dea phonetischen und syntaktischen Elementen ihrer Rivalin einen erbitterten Widerstand, nachdem sie sich den ganzen physiologischen und psychischen Lautmechanismus ihres Trägers zunutze gemacht hat; ihm unbewußt, tritt sie jeden Augenblick an die Stelle der andern, fälscht sie, entstellt sie, modifiziert sie. Die ersten Generationen, die eine neue Sprache annehmen, verderben sie notwendigerweise und bilden so ein Bastardidiom, erzeugt durch die Kreuzung zweier konkurrierenden Sprachen. Das veränderte Idiom vererbt sich in seiner ganzen Reinheit auf die folgenden Generationen, wenn diese, statt sich mit den Eingeborenen zu vermischen, ihre Jugend ausschließlich an einem isolierten Ort, sei es in einem besonderen Territorium oder durck eine eigene Religion getrennt, verbringen. Die Nachkömmlinge werden naturgemäß wie ihre Vorfahren sprechen, obgleich sie kein Wort der alten Nationalsprache mehr kennen, und der Dialekt wird sich befestigen. Aus diesem Grunde sprechen gewisse Menschen, die seit langen Jahren in der Fremde leben, die Sprache des Landes schlecht und vergessen zugleich ihre eigne Muttersprache. Ein weiterer Beweis. In den Dialekten, die der Verfasser konfessionell nennt, widerlegen die phonetischen Besonderheiten de* religiösen Ursprung. Es ist offenbar, daß der Gottesdienst keinerlei Einfluß auf die Aussprache des Gläubigen haben kann. Die Veränderungen können nur durch den hindernden Einfluß entstanden sein, der einst vom der aufgegebenen Sprache auf ihre angenommene Rivalin ausgeübt wurde.^ Unsere Gewohnheiten, Laute zu vernehmen und hervorzubringen, sind kraft ihrer organischen und muskulären Natur tiefer in uns verankert, als

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