Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die jüdischen Dialekte [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 722 (sequence 3)
- Language
- German
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722 Bücherschau In unserer Zeit des Unglaubens muß man sich daran erinnern, daß die Religion bis zu den neueren Zeiten eine soziale Macht von höchster Tragweite war. Die Religion bot ein System von Anschauungen über den Menschen und das Leben, über die Natur und die Geschöpfe, und war so die Bildnerin der Geistigkeit, die Erzeugerin der Ideen, die das Denken regierten und modelten. Indem sie auf die Vorstellungen und Gefühle mächtig einwirkte, übte sie notwendigerweise einen gleich bedeutenden Einfluß auf die Ausdrucksform des Gedankens, auf die Sprache aus; so drücken die heiligen Texte und die Liturgien ihr eigenartiges Gepräge der Umgangssprache der Gläubigen auf. Die Religion, die Dialekte schafft, bewahrt sie durch eine unüberschreitbare Mauer, die sie zwischen die benachbarten Völkerschaften errichtet, vor der Auflösung. Die moralische Isolierung kommt in diesem Falle einer geographischen Entfernung gleich. Man kann leicht verstehen, daß, je ausgeprägter die religiösen Besonderheiten sind, um so abgeschlossener die Isolierung einer Religion ist und um so bedeutender auch der sprachliche Unterschied sein muß. So hat denn auch die religiöse Ausschließung, die alle Gebiete des jüdischen Lebens umfaßte, in dieser Hinsicht die höchste Wirkung hervorgebracht. Unter diesen Bedingungen eines äußersten Separatismus stellt die Bildung und Erhaltung der jüdischen Dialekte nicht allein keinerlei Anomalie dar, im Gegenteil, ein Mangel an besonderen Idiomen würde hier unerklärlich sein. Der konfessionelle Ursprung der jüdischen Dialekte wird auch durch den negativen Beweis bestätigt. Wenn die Gleichgültigkeit in religiösen Dingen der Trennung ein Ende macht, dann schwinden die Dialekte. So verschwanden das Jüdisch-Italienische, das Jüdisch-Provenzale, das Jüdisch-Deutsche in Deutschland. Indessen erweist das Jüdisch-Deutsche in Rußland, Galizien und Rumänien gegenwärtig eine Lebenskraft, die jene der Anfangsursache dieses Dialekts, die ihn bildete und erhielt, bei weitem überschreitet. Das jüdische Idiom wird nach Ansicht des Verfassers in der slawischen oder neu-lateinischen Umwelt, vollständig von dem deutschen Gebiet losgelöst, schließlich zu einem unabhängigen Dialekt entsprechend dem Typus der Sprachen territorialen Ursprungs, wie das Englische oder die romanischen Sprachen. Einmal in die Reihen der Idiome eingetreten, die ihre Bildung dem territorialen Faktor verdanken, wird das Jüdisch-Deutsche nicht mehr von dem Gesetz der Dialekte konfessionellen Ursprungs regiert. Es ist losgelöst von der Vormundschaft der Religion und teilt deren Schicksal nicht. In dem letzten Kapitel verficht der Verfasser die Sache des jüdischen Dialekts mit einem Eifer der Überzeugung und einer Weite des Blicks sowohl in wissenschaftlicher wie in humanitärer Hinsicht, die auf den Leser wirken, selbst wenn er den Folgerungen des Verfassers nicht beizupflichten vermag. Schon die Bezeichnung „Jargon", mit der man ohne innere Berechtigung die jüdischen Dialekte bezeichnet, zeigt die Mißachtung, mit der man ihnen begegnet. Man hat ihnen gegenüber das gleiche Vorurteil, mit dem man im Mittelalter die romanischen Sprachen in Verruf brachte. Aus Mangel an richtigen Ideen über die Bildung der Sprachen und über die Dynamik der Sprache betrachtete man die antiken Idiome als elementar und allein des Studiums würdig, während die andern, ohne Grammatik, lediglich durch mündliche Überlieferung fortgepflanzt, nicht die Aufmerksamkeit des Kulturmenschen zu verdienen schienen. Seither sind die einst verachteten Sprachen Schatzkammern des menschlichen Geistes geworden. Aber Irrtümer verschwinden nur sehr langsam. Das alte Vorurteil wütet noch heute gegen die Sprachen der unterjochten Minderheiten, und das Jüdisch-Deutsche wird unter den verfolgten Idiomen bei weitem am schlechtesten behandelt. In Österreich sind die in diesem Dialekte abgefaßten Schriftstücke ungültig, und die Herrschenden werfen sich zu Sprachforschern auf und bestrafen alle, die das Jüdisch- Deutsche als ihre Muttersprache zu bezeichnen wagen. Es ist an der Zeit, diese schmählichen und auf Unkunde begründeten Vorurteile aufzugeben. In der Stunde, in der die blutende Menschheit die Vorrechte der Herrschenden hinwegfegt und danach strebt, alles Unrecht wieder gut zu machen, alle Bedrückten zu befreien, darf das jüdische Volk von der allgemeinen Befreiung nicht ausgeschlossen werden. In dem Augenblick, wo die verkannten Idiome sich eins nach dem andern erheben, um ihr Recht auf das Dasein geltend zu machen, wird man wohl genötigt sein, auch dem jüdischen Dialekt seine Autonomie zu gewähren. II. Dies sind die Thesen, die der Verfasser mit Hilfe von Tatsachen verteidigt. Aber obwohl seine ganze Studie das Gepräge einer vollkommnen Objektivität trägt und die dargelegten Tatsachen ebenso klar wie reichlich sind, läßt doch deren Deutung zuweilen