Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Die jüdischen Dialekte [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 721 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau 721 4. Man muß noch als Kuriosität folgende Erklärung, die aus dem 18, Jahrhundert stammt, anführen. Danach wären jüdische Dialekte gleich der Gaunersprache eingeführt worden, nicht um die Verbindungen mit der Außenwelt zu erleichtern, sondern im Gegenteil, um die Betrügereien der Leute, die nach verbotenem Gewinn gierig sind, zu verbergen, „damit sie (die Juden) die Christen desto f üglicher täuschen, bevorteilen, sie ohne Scheu verfluchen und verwünschen können". 5. Die neueste Erklärung schreibt die Bildung der jüdischen Dialekte den fortwährenden Wanderungen des Volkes Israel zu. Und in der Tat, mehrere Idiome haben ihren Ursprung darin, daß die Völkerschaften des gleichen Sprachstammes durch Wanderungen vollständig voneinander getrennt wurden. Die Gebietstrennung unterbricht den mündlichen Gedankenaustausch und die gleiche Sprache schlägt in den verschiedenen Gruppen verschiedene Wege ein. Sie macht verschiedene Entwicklungsstufen durch, bis sie sich wieder in die Form zweier Idiome kleidet. Auf diese Weise bildete sich das Englische aus dem Angelsächsischen, der Dialekt der Buren aus demHolländischen. Wenn die Auswanderung Idiome entstehen läßt, wie hätte das irrende Judenvolk keine bilden sollen? Der Verfasser glaubt alle diese Hypothesen widerlegt zu haben, indem er ihnen zahlreiche Tatsachen entgegenstellt. Die Wissenschaft kennt keine Verbindung zwischen dem Idiom und der politischen Lage einer Gruppe. Selbst wenn die Herrschenden und die Unterjochten ursprünglich ganz verschiedene Sprachen redeten, wie die freien Franken im romanischkeltischen Gallien oder die stolzen Normannen in sächsisch-keltischen England, so ergab sich doch schließlich eine einzige Sprache daraus. Andererseits haben sich das Jüdisch- Griechische und das Jüdisch-Spanische in dem Ptolemäischen Zeitalter und unter der arabischen Herrschaft gebildet, obgleich die Juden damals allerhand Freiheiten genossen. Der Unterschied der Geistigkeit, bedingt durch die Verschiedenheit der Rasse, ist sicherlich ein Hindernis der sprachlichen Assimilation. Aber nur dann übt er einen wirksamen und dauernden Einfluß aus, wenn die Bevölkerung die Mehrheit im Lande bildet. Dagegen schwindet sein Einfluß, sobald es sich um inmitten eines herrschenden Volkes zerstreute Minderheiten handelt; denn dessen Sprache verwischt schließlich jede Spur der rivalisierenden Geistigkeit. Der jüdische Kapitalismus kann ebenfalls nicht die Bildung der besonderen Dialekte erklären. Von jeher trieben die Christen und die Muhammedaner mit ebenso viel Eifer Handel wie die Israeliten, ohne daß ihre Sprache davon die geringste Spur zeigte. Außerdem weist der Hebraismus der jüdischen Dialekte im Gedanklichen einen Reichtum auf, der nichts mit dem Merkantilismus gemein hat. Es bleibt noch die Auswanderungstheorie zu behandeln, die auf Tatsachen basiert. Auf den ersten Blick läßt sie sich leicht auf eine Gruppe wandernder Menschen anwenden. Aber auch hier liefert die Folgerung noch keinen Beweis. Aus den Urkunden geht klar hervor, daß selbst die Israeliten in Spanien die Landessprache verschieden von den Christen aussprachen. Ferner haben die Juden nicht erst in den slawischen Ländern das Deutsche verändert, sondern in Deutschland selbst unterschied sich bereits im 11. Jahrhundert die Sprache des Ghetto von der der ganzen Bevölkerung. Sicherlich haben der semitische Geist und die Wanderungen der Juden die Widerstandsfähigkeit der besonderen Idiome gestärkt und die charakteristischen Besonderheiten der Sprache vergrößern können. Aber niemals würde sich aus diesen Faktoren allein die Entstehung und die Lebensfähigkeit dieser Dialekte erklären lassen. fr Nach einer urkundlich belegten Widerlegung dieser Hypothesen bringt der Verfasser in einer klaren, methodischen Darlegung eine ganz neue Lösung. Die jüdischen Dialekte sollen ihren Ursprung einem allgemein verkannten Element verdanken, das scheinbar nichts mit dieser Frage zu schaffen hat, — der Verschiedenheit der Religionen. Weil in diesem Belang die Juden sich immer von der Umwelt unterschieden, deren Sprache sie annahmen, sollen sie diese umgewandelt haben, bis sie aus ihr einen gesonderten Dialekt machten. Zahlreiche Tatsachen stellen fest, daß, wenn Völkerschaften von derselben Rasse, demselben Wohnsitz und derselben Sprache sich im Glauben unterscheiden, jede religiöse Gruppe unfehlbar die gemeinsame Sprache modifiziert. Dies ist z. B. bei den Muhammedanern in China und Indien, bei den bulgarischen Anhängern des Koran und bei den katholischen Griechen der Fall. Die Verschiedenheit der Religionen genügt also an sich, um die Idiome zu bilden und zu erhalten. Auf welche Weise aber kann der Glaube auf die Sprache einwirken? Wie kann die Verschiedenheit der religiösen Überzeugungen die sprachliche Gleichheit behindern?