Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 716

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Betrachtungen zur Stunde
Date
1917-01-01
Page
716 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101135-3102951--2155-3103065
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

7i6 Bemerkungen gilt nicht nur für das Ganze unserer Volkszukunft in Hinsicht auf einen Weltoptimismus, sondern auch für das Engere der gegenwärtigen Stunde rücksichtlich der gegenwärtigen Hoffnungen. Wir werden durch unseren jetzigen Erfolg sicherlich u. a. einen bedeutenden Zuwachs auch an solchen Anhängern erhalten, denen die Verwirklichung eines Ideals ganz greifbar nahe sein muß, wenn sie sich für es einsetzen sollen. Schlaff nackige, bei denen die winzige Kraftmenge, die sie einer überpersönlichen Sache zu widmen geruhen, durch tausend Seile fest begründeter Hoffnungen angezogen werden muß, wenn sie sich in Arbeit und Leistung umsetzen soll. Doch ist ein Zuwachs von dieser Art in einem gewissen Sinne zu begrüßen: nicht nur vom Standpunkte des unmittelbaren, zuständlichen Machtzuwachses. Ich habe mich immer darüber gefreut, daß unsere Idee auch unter den Juden leichten Kalibers Anhang findet. Der Wirkungskreis dieser Idee bliebe sonst — wie schon einmal die diesbezüglichen Verhältniszahlen in der Welt sind — ein sehr enger. Diese jetzt Zuwachsenden werden aber nur dann in vielen Beziehungen nach innen und außen einen Gewinn für uns bedeuten, wenn wir sie eben als „Anhang" betrachten, als Mitgeher, wir aber — Schrittmacher der Bewegung — der anders geartete Kern bleiben, an dem sie „anhängen". Nicht in dem Sinne, daß wir zum Beispiel größere Rechte in der Organisation etwa für uns beanspruchten; sondern so, daß wir auf uns die größeren Pflichten nehmen, uns der tieferen Verpflichtung zur Leistung bewußt bleiben. So daß die nicht ganz gefestigten „Neophyten" sich an der Höhe der Opferbereitschaft uns hinaufassimilieren, nicht wir uns an Laxheit und „Objektivität" ihnen hinunter angleichen. 5- Die hier geforderte Einstellung gegenüber dem uns von der Welle des Erfolges zugetragenen Anhang setzt aber voraus, daß der Einzelzionist anders als früher seine Aufgabe erfasse. Nämlich, daß er sich nicht als ein Anhängsel einer Volksbewegung betrachte, die irgendwie und irgendwo auch ohne seine Anstrengung vor sich geht. Diesen Fatalismus, diese Bequemlichkeit aus Überschätzung des Werdenden dürfen wir uns noch lange nicht gestatten. Sondern, damit eben diese Bewegung vor sich gehe, ist es unerläßlich, daß sich jeder von uns als ihr Pionier, ihr Gesteinsbohrer fühle und betätige. Wirmüssen uns des Gegensatzes inne werden, daß bei die dies von einem anderen Gesichtspunkte und in aggressiver Fassung behandelt. allen Völkern die Pioniere der nationalen Freiheitsbewegungen heroischen Charakters und Fanatiker ihrer Überzeugung waren und sind, wir aber die Klüglichen, kalt Einsehenden, alles Verstehenden, beinahe Objektiven. Ich will damit nicht sagen, daß die fanatische Art die an sich bessere ist; ich könnte eventuell zugeben, daß sie für normale Verhältnisse die schlechtere sei. Aber für das In¬ Bewegung-Umsetzen von Ideen ist sie die einzig wertvolle, weil einzig wirksame Art. Darunter sind aber nicht wirklichkeitsfremde Phantasten und Exaltierte zu verstehen, die anstatt von Ideen von Nebelbildern ausgehen. Nein; ich meine die, welche ebenso wie die Klüglichen sich um eine klare Erkenntnis des Ziels bemühen, aber zum Unterschiede von jenen diese Erkenntnis leben, diese ruhig erfaßte Idee der Gemeinschaftsziele als ein Eigenes, Persönliches leben, für diese Idee mit der Spontaneität, der Heftigkeit, dem Angriffswillen, der Einseitigkeit und Voreingenommenheit handeln, wie es gemeiniglich der Einzelne für sein persönliches Wohl tut. Bei einem so gearteten Menschen, der „die Gründe seiner Meinungen erlebt", ist nicht die absolute Sicherheit, daß es so kommen wird, wie er es sich vorstellt, die autonome Voraussetzung und das Primäre seiner Impulse; auch nicht — was hier schon berührt wurde — der unbedingte Glaube an die restlose, alleridealste Ausführbarkeit seiner Idee ist es. Sondern das Primäre bei ihm ist der peinigende Widerwille gegen den Zustand, der ist und der ihm unerträglich erscheint, und die innere Sicherheit, daß die Änderung des Gegenwärtigen not tut. Der bloß klügelnde Zionist also wird nur vom Zielgedanken erregt, fällt aus allen Himmeln und läßt die Hände sinken, sobald irgendwie die äußere Gestaltung der Verhältnisse die Konjunktur seiner Idee schlechter erscheinen läßt. Dem fanatischen dagegen ist derlei nur ein Schmerz und ein Hindernis auf dem Wege, aber seine innere Spannung und der begeisternde Drang, die sein Bewegendes sind, werden durch die verschlechterte Aussicht zumindest nicht vermindert, bisweilen sogar verstärkt. Man kennt das allgemeine Gesetz, welches in der Elektrizitätslehre das Ohmsche genannt wird: E — IW, wobei E die elektromotorische Kraft, I den Kraft(Elektrizitäts)strom und W den Widerstand bedeutet. Auf unsere Betrachtung angewendet, ergibt sich, daß bei demjenigen, dessen Impulse dem Drang der Triebe entspringen und bei dem daher der Kraftstrom I konstant bleibt, die motorische Kraft E dem Widerstand W direkt proportioniert ist,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.