Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Betrachtungen zur Stunde
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 715 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 715 Führung haben und die Organisation: die hätten Vieles leisten müssen: den Charter erlangen, die Zustimmung und Garantie der Mächte erwirken, die Milliarden aufbringen, die jüdischen Massen erwecken, deren Umsiedlung durchführen und allerlei anderes noch. Der Einzelzionist aber zahlte höchstens den Schekel, das sind zwei Pfennige wöchentlich, und eventuell noch ein Kleingeld für den Nationalfonds, ging einmal jährlich zur Makkabäerfeier, gelegentlich zu einer zionistischen Veranstaltung und — was das einzige Intensive an der Betätigung dieser Art zionistischer Gesinnung war — er suchte mit intensiver Neugierde in jedem neuen Heft der „Welt" nach, ob sich nicht darin irgend eine, durch die große Überschrift als bedeutend klassifizierte Nachricht fände, obwohl schon Herzl beim Sultan Palästina „gekauft" oder irgend eine diplomatische Wundertat vollbracht hätte oder dergleichen. Es ist noch bis heute nicht tief genug in das Bewußtsein vieler Zionisten gedrungen, daß der Zionismus nicht etwas Distanziertes, Fremdes, Äußeres, Fernes ist, das in Berlin, in Kopenhagen, in London sitzt, im Aktionskomitee, im Zentralkomitee, im Vereinspräsidium. Sondern daß du, ich, er, sie, wir die Bewegung sind; daß die Bewegung nur groß ist, wenn wir nicht klein sind; daß sie zu nichts taugt, wenn wir nichts taugen. Jedesmal, wenn man an Zionisten jener Art wegen Arbeiten, Leistungen herangeht, versagen sie: aber von der Leitung alles zu verlangen, ohne ihr die Mittel dazu zu geben, ohne sich ihr zur Verfügung zu stellen — das ist ihre Leistung. Ich aber sage: immer noch waren bei uns die Führer besser als die Geführten; immer noch war bei uns unter allen Leitungen die Bewegung zumindest leidlich, aber die Bewegten waren es nicht. Es gilt bei uns ungefähr die Ansicht, daß nur die Führer zum Arbeiten da sind, wir dagegen manchmal auch etwas beizusteuern, jedenfalls aber immer als Besserwisser, Kontrolleure, Forderer zu fungieren haben. 4. Ist aber einmal unser zionistisches Gewissen als das Bewußtsein aktiv geworden, daß die höchste Verantwortung wohl organisatorischtechnisch der Leitung, im dynamisch-organischen Sinne aber jedem einzelnen von uns auferlegt ist, daß der Schwerpunkt der Bewegung nicht irgendwo draußen, mehr oder weniger weit, sondern in uns, in unserer Bereitschaft und Hingabe liegt, so wird uns zu innerst der Gehalt des jetzigen gehobenen Moments vornehmlich nicht als Erfolg zu Bewußtsein kommen, sondern als Ernst: daß es um unsere Sache Ernst zu werden, daß für uns die Zeit schweren Ernstnehmens beginnt. Daß es darum mit der Zionismus-Tändelei, mit der phrasenhaften nationalen Geschäftigkeit ein Ende nehmen muß. Daß es ein schnell verschleißender Plunderzionismus wäre, der jetzt jubilierte: „Wie weit wir es gebracht haben!"; denn da erhöbe sich wirklich die „Gefahr der Vereinfachung", der idyllisch-duseligen Indolenz. Daß der Zionismus jetzt vielmehr eine ungeheure Verantwortung bedeutet, ein beglückendes Verhängnis, eine Verpflichtung zu strenger, strahlender Arbeit, zu mannigfacher, schwerer Entsagung. Auch wird in uns dieses Potenzieren des Zionismus zum eigenen seelischen Schicksal das Ineinanderwirken von Begeisterung und Hartnäckigkeit, von Aktivität und durchhaltender Geduld bedingen, das gerade in dieser hoffnungsschweren Stunde notwendig ist, jdamit nicht in uns der Aufschwung zur Depression, die Aussichten zu Gefahren werden, sobald nicht „alle Blütenträume reifen" sollten. Ich verstehe darunter nicht nur die Gefahren der zügellosen, phantastischen Hoffnungen, (die nebstbeinichts kosten), sondernich spreche im weiteren Sinne allgemein gegen einen Zionismus, der keine andereninnerenGrundlagen hat als das schöne Pathos des Glaubens an das Höchstziel. Ich halte ihn nämlich für nicht sicher genug, nicht fest genug. Achad Haam z. B. will in der Seelenkraft des Glaubens an die Zukunft den Hauptmotor unserer Renaissance sehen. Das ist nur eine andere Seite seines extremen Intellektualismus. Es hat einmal einer behauptet, daß der Gefühlsmensch gewöhnlich ein Schwarzseher ist, der Intellektualist dagegen ein Optimist. Ich glaube, daß dies zwar richtig, aber eine Umkehrung von Primärem und Sekundärem darstellt. Das heißt, der Intellektualist muß des kommenden Lichtes unbedingt sicher sein, wenn er eine Anstrengung riskieren soll, um die Finsternis zu verscheuchen. Der Mensch der Triebe dagegen, des Instinkts, der intuitiven Seele kann auch als Pessimist einer tiefgreifenden, opferreichen Hingabe fähig sein. Auf unsere Sache angewendet, meine ich: Es müssen unser Zukunftswille und unsere Anstrengungen nicht so aufgefaßt und dargestellt werden, als ob sie — wie dies seit langem bei uns allenthalben in verschiedenen Formen geschieht — nur innerhalb eines rosenroten Weltoptimismus möglich wären.*) Und dies *) Eine breitere Darstellung dieses Gedankens im Zusammenhang mit der hier weiter gestreiften Unterscheidung zwischen verstandesmäßigem und heroisch fanatischem Zionismus ist in einer größeren Arbeit enthalten, 48*