Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Betrachtungen zur Stunde
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 717 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 7*7 d. h. mit wachsendem Widerstand auch wächst. Bei dem Menschen der instinktlosen kalten Besonnenheit aber ist die motorische Kraft E entsprechend der sich gleichbleibenden Einsicht konstant; daher ist der Kraftstrom I dem Widerstande W umgekehrt proportioniert, d.h. der Kraftstrom fällt bei wachsendem Widerstand. Weil der bloß Verstandesmäßige neben der Einsicht nur das Wünschen, Möchten hat — also so ,eine Art „Anhänger" ist —; der heroische aber das Nicht-anders-können. Und die notwendige Einwirkung, daß dieses Charakterwesen des Pioniers in uns Zionisten lebendig werde und wachse, bei uns zur entscheidenden Geltung komme, nenne ich die „Erziehung der Zionisten", die der Erziehung des Volkes dem Range und der Intensität nach vorangehen muß. Die Erziehung des Volkes richtet sich der ersten Stufe nach, im Großen und Äußeren genommen, auf Anhänger, Mitgehende. Diese orientieren sich nach der günstigen, eine rasche, hindernislose Realisierung versprechenden Konstellation. Die kommen mit dem Erfolge und sind schwankend, windleicht wie er. Die Erziehung der Zionisten aber — die erste, wesentlichste Forderung dieserStunde ernster Hoffnungen — betrifft uns; auf daß wir zum Erziehender Mitgehenden berufen sein können; auf daß wir der Anker seien, andern die Beweglichen festgehalten werden. Wir, denen die günstige Konjunktur nur ein Förderndes, nicht ein Bedingendes sein kann. Die wir vor den „guten Aussichten", in der „utopischen Zeit" des Zionismus nach seinem fernnahen Lichte uns gerichtet haben. Das ist ein Licht, das keine äußere Enttäuschung zum Erlöschen bringen kann, weil es aus uns selber gespeist wird, ausunserem steifnackigen, an das Gelingen nicht gebundenen Willen, aus unserer verbissenen Hingegebenheit, aus unserer fanatischen Leidenschaft —- einer Welt zum Trotz! Abraham Schwadron Uriel Birnbaum ist der Name eines jungen jüdischen Künstlers, von dem wir sagen können, daß er ganz Künstler und ganz jüdisch ist. Es gibt bisher wenige dergleichen, und deshalb ist jüdische Kunst vorläufig nur eine Hoffnung. Denn jüdische Kunst ist natürlich weder jene Unzulänglichkeit, die mit der Anbringung eines Magen David alles getan glaubt, noch jene Harmlosigkeit, die idyllisch oder pathetisch gefärbte Ausschnitte aus dem Leben der Kaftanjuden zum besten gibt. Aber auch in der Sphäre jenes Könnens, das erst den Künstler ausmacht, ist jüdische Kunst nicht jüdisches Temperament in fremdem Geist (Liebermann) und auch nicht jüdischer Geist in fremdem Leben (wie Israels im Hauptteil seines Schaffens). Sondern jüdisches Leben aus jüdischem Geist, erfaßt durch ein jüdisches Temperament: dies ist jüdische Kunst. Nicht zu verwundern, daß es so etwas kaum gibt. Zwar jüdisches Temperament, dies ist das Primäre, Vegetative und wohl immer vorhanden. JüdischerGeist setzt eine Tradition voraus und kann nur bestehen in solchen Gliedern, die den bewußten Zusammenhang mit dem Volke nie ganz verloren. (Hier ist ein Vergleich Israels' mit Liebermann, die sich beide persönlich und zum Teil auch künstlerisch so nahe standen, besonders lehrreich.) Aber jüdisches Leben, hierin fehlt es, denn es gibt im jüdischen Leben keine Kunst*). Zwar ein blühendes, urprüngliches, starkes und zugleich intimes Kunstgewerbe, die Quelle zweckabgelöster reiner Kunst, hat es gegeben und gibt es vielleicht auch noch in ganz, ganz schwachen Resten**). Aber es war durch eine wirtschaftliche Umwälzung, wie überall, wo kapitalistische Produktionsweise eingedrungen ist, erstickt worden, bevor es jene Edelform gebar, die von den Notwendigkeiten des Lebens befreit ihr Eigenleben führen kann. In jenem Europa, in dem die Renaissance die Metamorphose des Handwerkers zum freien Künstler rechtzeitig gebracht hatte, konnte der Kapitalismus wohl das Kunstgewerbe vernichten, aber bereits individualisierte Kunst nur noch mehr auf das Persönliche verweisen; ihre Wurzeln lockern, aber ihre Blüten nicht behindern. Durchaus anders mußte er bei Völkern wirken, die er in ihrem Mittelalter antraf, deren immanente Entwicklung er unterbrach und die er in den Strudel warf. Der junge Mensch solch eines Volkes, der unvermittelt auf Europens Herrlichkeiten stieß, er konnte, wenn er schöpferischen Drang in sich verspürte, nichts anderes tun, als nach München oder Paris gehen, ihn riß es mit den Wurzeln ganz aus der Erde. Hier teilt der Jude sein Schicksal mit den Balkanvölkern und den Ungarn etwa, in deren künstlerischem Schaffen so wenig Volkstum zu spüren ist, wie in dem irgendeines Südamerikaners, der in Paris in die Schule gegangen ist. Wollte einer von ihnen sich dann *) Unter „Kunst" ist hier immer natürlich bildende Kunst verstanden. * *) Siehe den Aufsatz Bromberg-Bytkowskis „Vergessene Kunst" in Heft 1/2 des IL Jahrgangs dieser Zeitschrift.