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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 714

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Betrachtungen zur Stunde
Date
1917-01-01
Page
714 (sequence 3)
Language
German
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714 Bemerkungen gebenden Faktoren" unter den „Anderen,, nicht nur sich für unsere Pläne erklären, sondern daß von ihnen beinahe die Initiative ausgeht! Ich genieße mit tiefer Lust und Genugtuung das Unbehagen vieler der uns feindlichen, aber auch indifferenten Israeliten, wenn sie jetzt fast keine Zeitung in die Hand nehmen können, ohne daß ihnen hartnäckig Kunde von dieser unserer bisherigen Utopie als einem Realpolitikum entgegenstarrte: wobei Argumente weltpolitischer Natur, die für uns sprechen — uns schon lange geläufig — ihren Köpfen täglich von „seriöser" und kompetenter Seite eingehämmert werden. Ohne also die überstarke Macht der innerjüdischen Indolenz auch für weiterhin im geringsten zu unterschätzen, können wir dennoch den sehr bedeutenden Gewinn feststellen, der uns schon jetzt unverlierbar zuteil geworden ist: unseren Ideen wurde der Eichungsstempel der äußeren Realisierbarkeit aufgedrückt, und das notwendige In-die-Schädel-Hämmern, ohne das eine neue Idee die Trägheit der Hirnmasse nicht zu überwinden vermag, ist durch die verschiedenen Kundgebungen mit einer Intensität geschehen, wie sie eine hundert Jahre lange Propaganda unsererseits nicht hätte erreichen können. Unsere Ideen waren immer vernünftig — aber das ist belanglos. Jetzt wurden sie von Kompetenten als durchführbar deklariert — das ist entscheidend. Und auch das: jener Teil der Öffentlichen Meinung sowie diejenigen staatlichen und sozialen Faktoren, die sich für uns ausgesprochen haben, sind dadurch bis zu einem gewissen Grade und innerhalb gewisser, wenn auch nur enger Grenzen gebunden. Mag einer auch mit Recht der Konsequenz der politischallgemeinen Meinerei, besonders uns Juden gegenüber, nicht viel zutrauen, so kann man doch mit einem Quentchen Schamgefühl bei ihr, vielleicht auch nur formeller Natur, ein wenig rechnen. Die Trägheit, die es bewirkt, daß eine vernünftige Sache so lange braucht, bis sie als solche eingesehen wird, dieselbe verankert anderseits die öffentlich-allgemeine Gedankeneinstellung, einmal auf die entgegengesetzte Seite gebracht, zumindest für eine Zeitlang in der neuen Richtung. Und sind es wohl auch Nebengedanken, die viele veranlassen, uns zuzustimmen; momentane Konjunkturen, durch andere als jüdische Interessen bestimmt: diese zustimmenden Kundgebungen werden bei den bezüglichen Faktoren doch ein gewisses Hindernis bilden, ihre Meinung, von heute auf morgen zumindest, so weit zu wechseln, daß sie uns gegnerisch entgegentreten. Abgesehen davon schwächt die Einwendung, jene Kundgebungen seien Aon anderen als jüdischen. Interessen diktiert, die Bedeutung dieser Deklarationen keineswegs ab; sie bestätigt vielmehr diese Bedeutung erst recht. Denn es war immer eines der Fundamente unserer Ideologie, daß weite Interessen der Welt durch unser Interesse an Palästina gefördert werden und daß die beste Garantie für das Gelingen unseres Werkes eben die Vorteile für die anderen sind. Und auch die schlimmste der Befürchtungen, nämlich daß die Zustimmungen und Zusagen fremden Interessen zuliebe mit Absicht auf Täuschung gehen — auch diese äußerste der pessimistischen Annahmen setzt noch voraus, daß unsere Bewegung schon so vlei an Bedeutung und Einfluß erlangt habe, daß Großmächtige die Zustimmung zu ihr als Deckmantel zu benützen für lohnend erachten. Diese Bedeutung zumindest ist ein unanfechtbares Aktivum. 3- Betreffs der zweiten Seite unserer Betrachtung, nämlich der Konsequenzen, die wir aus dem nunmehrigen Stande unserer Sache zu ziehen haben, möge folgendes vorausgeschickt sein. Wir müssen etwas vermeiden, was in einem gewissen Sinne nahe liegt und in irgendwie entfernt ähnlichen Lagen, z. B. nach der türkischenRevolution,in einer verantwortungslos bequemen Art bei uns gebräuchlich war: nämlich die ebenso schöne wie leere Attitüde des vom großen Moment inspirierten Ermahn er s gegenüber der Leitung unserer Bewegung, Es ist den Kosten nach sehr billig, dem Verantwortlichkeits-Bewußtsein nach sehr unbillig, die gewichtig pathetische Aufforderung ergehen zu lassen: „Es ist nun die Pflicht der Leitung . . . die historische Stunde . . . und was jetzt versäumt wird . .. usw." Nichts ist phrasenhafter als dies! Nicht nur, wenn es in der Publizistik geschieht, sondern auch —- was wohl noch schädlicher ist — wenn es im privaten Gedankengange des Einzelnen dazu dient, seine eigene Untätigkeit und Unzulänglichkeit vor sich selber indirekt zu entschuldigen, ohne daß er gezwungen wäre, auf den Genuß derstattlich-stolzen Gehobenheit,,dieser historischen Stunde'1 zu verzichten. Es ist dies eine unselige Überlieferung einer gewissen opferscheuen und wortbereiten Art Zionisterei noch aus der Zeit Herzls her, immer an die Leitung große Forderungen zu stellen, nicht an sich. Nach dieser Art Zionist sein hieß: zustimmen, daß die Juden eine Nation sind, daß überall irgend eine Art Judennot besteht — der Masse oder der EinzelpSrsönlichkeit — und daß das jüdische Volk darum eine Heimat erlangen muß. Punktum. Dieses Bekenntnis kostete nichts. Verpflichtung sollten nur die

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