Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Betrachtungen zur Stunde
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 713 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen 713 Erreichten für das Einordnen unseres Fühlens und Denkens in die Pflicht der jetzigen Stunde zu ziehen haben. 2. Hinsichtlich der propagandistischen Auswirkung des Erreichten möge vor allem darauf hingewiesen sein, daß fast aller Widerstand gegen unseren Gedanken letzten und unbewußten Grundes im Unglauben an seine Realisierbarkeit, in seiner Bewertung als Utopie wurzelt. Wir sind, von unserem Ideal erfüllt und beherrscht, begreiflicherweise geneigt, zu übersehen, wieviel Ungewöhnliches, Analogieloses unser Lösungsversuch der Judenfrage enthält. „Die Judenfrage ist eine nationale Frage*1 ist leichter bewiesen, als das Bedenken behoben: „Und zugegeben, daß dem so ist, wo und wann werden nationale Fragen so gelöst?" Ich habe einmal den generellabsoluten Kern der Herzischen Grundidee, aus der speziellen und relativen, d. i. hier der jüdischen Anwendung herausgeschält, so zu formulieren versucht: Lösung einer nationalen Frage durch die einverständliche und organisierte Umsiedelung eines der Rivalen. — Nun, derlei ist aber bisher nirgendwo geschehen!*) Es ist daher in diesem Sinne charakteristisch, daß die ernsteste antizionistische Broschüre, die von Karl Landauer und Weil, „die zionistische Utopie" benannt ist. Die Anbetung des Erfolges in der Welt hat anticipando auch die Form, daß alles, was keinen Erfolg verspricht, mit einer jeden Einsichtigen betrübenden Selbstverständlichkeit als unvernünftig, unzweckmäßig, unerwünscht angesehen wird. Es ist unglaublich, in wie mannigfache und komplizierte Formen scheinbar logischer Gründe das einfache Nichtglauben sich zu kleiden pflegt. Einzig die *) Vergleiche meine Aufsätze „Versuch einer Übertragung der zionistischen Grundidee auf allgemein völkische Probleme" in der Chanukkah-Feldnummer der „Jüdischen Rundschau" 5677 und „Etwas zum Thema: Der Pazifismus und die nationalen Fragen" in den „Dokumenten des Fortschritts" April 1916. — Vor kurzem hat Hans Wantoch, wohl ohne meine Aufsätze zu kennen, in der „Schaubühne" (27/1917) unter dem Titel „Ein Vorschlag zum Frieden" diese Lösungsart für die italienische Frage in Österreich zur Diskussion gestellt! Das wäre eine Anwendung des „Rahmengedankens" des Zionismus und eine indirekte Bestätigung der „mustergebenden oder normativen Seite seiner weltpolitischen Bedeutung", die ich in den erwähnten Aufsätzen festzustellen versucht habe. Heft 10/11. Sieghaftigkeit einer Sache ist das Argument der Argumente für die „Tatsächlichen", die Überlegenen, die Praktischen, die „klaren Köpfe", für alle, die „mit beiden Füßen im Leben stehen". Rasch finden sich gescheite Einwände vermeintlich höherer, allgemeiner Natur, sobald unsere egoistische Klugheit fürchtet, unsere Hand könnte ins Leere, ins Unerfüllbare greifen. Und was anderes sagt denn im Grunde auch das in verschiedenen Variationen von den Gegnern des Zionismus Gebrauchte: „Die Idee ist zweifelsohne edel und sympathisch, aber ..."? Bisweilen wohnt ein halbverwittertes irrational-nationales Empfinden, ein Dämmern romantischen Palästina- Urgefühls in einem Indifferenten oder sogar in einem Antizionisten, und nur der Einspruch seines praktischen Verstandes, seiner Einsicht in die vermeintliche Unrealisierbarkeit drängt jenes Gefühl zurück oder läßt es überhaupt nicht aufkommen. Dabei ist für derlei Juden nicht so sehr die innere, sozusagen organische Schwierigkeit der Realisierung unseres Gedankens ausschlaggebend, als vielmehr das vermeintlich Utopische nach außen, in der Meinung der Welt. Wir Juden des letzten Jahrhunderts sind ja in allen Verwicklungen des Lebens so von den „Anderen" abhängig, daß auch unsere innerste Meinung, unser Gutheißen und Verwerfen unbewußt und unglaublich stark von den Wertungen der „Anderen" diktiert werden. Und daß die „Anderen" sich nicht mit unseren Plänen ernstlich befassen werden, war unseren Gegnern, ganz entsprechend der Galuthpsyche, das selbstverständlich Gegebene. Demgemäß hat auch die allgemeine Presse sich für zu wertvoll gehalten, um von dieser phantastischen Bewegung eingehend Notiz zu nehmen. Bei dem von Juden geleiteten Großteil dieser Presse war natürlich nebstbei das Bestreben maßgebend, möglichst wenig über Jüdisches zu berichten, da ja durch die Wunderkur des totalen Vergessenmachens die Krankheit Judenproblem geheilt werden sollte. Dies um so mehr, als doch unsere Bewegung dahin tendiert, die Theorie des Verschwindens der Judenfrage durch Assimilation, Fortschritt, Aufklärung usw. zu untergraben. Da weiters heute für jeden, der auf den Titel eines modernen Menschen stolz ist, die Zeitung Sprachrohr und Hörmuschel zugleich alles „bemerkenswerten" Lebens geworden ist, mußte rückwirkend der Zionismus in der großen Welt nicht für bemerkenswert gehalten werden, weil ihn ja die Zeitung nicht der Registrierung würdig fand. Und nun hört die israelitische, unjüdisch orientierte Gesellschaft mit Staunen, daß gerade die im allerstrengsten Sinne dafür „maß- 48