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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 712

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Betrachtungen zur Stunde
Date
1917-01-01
Page
712 (sequence 1)
Language
German
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712 Bemerkungen ihres Reiches Gerechtigkeit widerfahren läßt, sprach schon mit größeren Einschränkungen. Deutschland, das sich wohl der Sympathien des Judentums versichern, aber keinesfalls das Selbstbewußtsein der Türkei verletzen möchte, beschränkte sich auf eine bloße Wiederholung der türkischen Erklärungen. Und dennoch finden wir, daß diese drei höchst politischen Regierungserklärungen stärkeren Eindruck auf die Juden gemacht haben als alle bisherigen Argumente des Zionismus. Es scheint fast, als ob man in jüdischen Kreisen einen kindlichen Stolz darauf empfände, zu den „weltpolitischen Faktoren" gerechnet zu werden. Viele, die bisher dem Zionismus fernblieben, weil sie ihn für zu unsicher hielten, erblicken nun in diesen Erklärungen eine ausreichende Sicherung des künftigen Gemeinwesens. Und vergessen die Lehre, die uns die allerjüngste Vergangenheit gegeben hat: daß völkerrechtliche Bürgschaften allein wertlos sind, wenn ihnen nicht das Volk, in dessen Interesse sie gegeben werden, innere Wahrheit verleiht. Vergessen, daß die einzige wirkliche Bürgschaft für eines Volkes Recht auf territorialen Besitz und nationale Geltung in dem Beweise liegt, daß das Volk und das von ihm bewohnte und bearbeitete Land zu einer unauflöslichen Einheit verschmolzen sind. Das sehen wir an Polen, das werden wir an Belgien und Serbien sehen. Das werden wir lernen müssen, um — trotz aller völkerrechtlichen Garantien — Palästina wirklich zum jüdischen Lande zu machen. Die heute auf Grund der Regierungserklärungen zionsgläubig wurden, sollen wissen, daß diese Erklärungen hinfällig werden müssen, wenn nicht die Tatsachen, nämlich die von Juden bestellten Felder und Obstgärten, die von Juden erbauten Dörfer und Städte in Palästina ihre Grundlage bilden. Sie sollen wissen, daß sie, auch wenn irgendein Völkerrecht ihnen Palästina zuspricht, jeden Tag aufs neue den palästinensischen Boden werden erobern und gegen die Macht einer ununterbrochenen Entwicklung der Völker und ihrer Beziehungen zueinander verteidigen müssen. Sie sollen wissen, daß die einzige dauernde Bürgschaft in der unlösbaren Verknüpfung der jüdischen Eigenart mit dem palästinensischen Boden liegt. Und ferner sollen sie wissen, daß es das Streben der neuen Gemeinschaft in Palästina sein muß, statt des heute alles beherrschenden Willens zur Macht die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit zur Leitschnur ihres Verhältnisses zu den Nationen zu machen. H. H. C. Betrachtungen zur Stunde i. Unsere Hoffnungen leuchten. Was unbestimmter noch als Hoffnung war, was unser sehnendes Herz nicht wagte, unserem klugen Kopfe zu sagen, jetzt umschwebt es als ein Vorschatten möglicher Erfüllung unseren ungläubigen Alltag. Großmächte erkennen unser Recht auf Palästina an und versprechen die Unterstützung unserer Pläne; große internationale Verbände nehmen unsere Forderungen in ihr Friedensprogramm auf, und die öffentliche Meinung maßgebender Länder betrachtet die Höchstziele des Zionismus als ein reales Politikum. Als Herzl derlei Annahmen seinem „Judenstaate" zugrunde legte, mußte er es sich gefallen lassen, daß sein journalistischer Kollege ihm riet, seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. In einem Aphorismus, den er etwa 1898 schrieb, sagte er: Wer in zwanzig Jahren recht behalten will, muß es ertragen können, daß er jetzt für irrsinnig gehalten werde. Zwanzig Jahre sind seitdem vergangen und zu den Utopien von damals bekennen sich in vollster Offizialität Menschen realster Staatskunst. Unsere Hoffnungen rauschen — laßt uns kühlen Kopf bewahren! Laßt uns jetzt, schon jetzt,. überschauen, was uns bereits zuteil geworden ist — ohne daß sich unsere Phantasie unfruchtbar daran entzünde, was kommen kann. Und drängt sich uns zuvörderst die Frage auf, ob uns schon jetzt etwas zuteil geworden, das fester ist als bloße blaue Hoffnung, so dürfen wir uns in Ruhe und fern jeder Übertreibung antworten: Wir haben so Wertvolles an Weg, an Mittelbarem gewonnen, daß wir es uns erlassen können, irgendwelche Vorstellungen vom Ziel prahlend in die Betrachtung vorwegzunehmen. Nicht also soll hier versucht sein, darüber Gedanken zu spinnen, wieviel die günstigen Erklärungen der verschiedenen maßgebenden Faktoren an Erfüllungswert enthalten, — wie werden sie wohl „nach Tisch gelesen" werden? — und welche Schwierigkeiten, Hemmungen und Hindernisse innerer und äußerer Natur sich der Verwirklichung entgegenstellen dürften. Vielmehr möge sich hier, ohne Bezugnahme darauf, was und wieviel in nächster Zukunft an ziel politischer Erfüllung unser harrt, eine pragmatische Betrachtung darauf beschränken, was wir erstens jetzt für die propagandistische Theorie unserer Bewegung als ein Unverlierbares schon gewonnen haben, und zweitens, welche Konsequenzen wir, uns selber gegenüber, aus dem

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