Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Vierhundert Jahre türkisches Palästina
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 706 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101135-3102948--2141-3103054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
jü6 R. Salm an: not ausgesetzt waren, unternahm der Staat nichts, um der Bevölkerung über die Zeit der Krisis hinwegzuhelfen. Massehweise mußten damals die Juden aus den neu erstandenen Städten flüchten und im Verlauf von drei Monaten wanderten aus Safed allein mehr als iooo Familien aus*). Auch später wurde seitens der Behörden nichts getan, um den Ruin des Landes aufzuhalten. Eher das Umgekehrte. Zwei Jahrhunderte lang war Palästina eigentlich von Konstantinopel völlig abgeschnitten und einem syrischen Satrapen ausgeliefert, der das einzige Ziel erstrebte, aus dem ihm anvertrauten Lande höhere Steuern und Abgaben zu erpressen. Oftmals verpachtete sie dieser syrische Kleinherrscher für eine bestimmte Summe einem beliebigen Ausbeuter. Von der Willkür dieser „Statthalter" wissen die Annalen der Geschichte der Juden in Palästina manches Schauderhafte zu erzählen. Im Jahre 1625 verpachtete der Statthalter in Damaskus, dem die Abzahlungen der Juden unterstanden, die Herrschaft über Jerusalem einem Privatmann, Ibn Faruch, der später dieses Geschäft seinem Schwager, Othman Agga, vererbte. Im Verlauf von zwei Jahren gelang es diesen orientalischen Tyrannen, von der armen und bereits im Niedergang befindlichen Gemeinde Jerusalems 50000 Piaster zu erpressen, aber gleichzeitig auch die Gemeinde zu vernichten**). Solche Fälle gab es auch früher, und sie wiederholten sich auch später, bis sie im Jahre 1706 zu einem förmlichen Aufstand der örtlichen Bevölkerung führten***). Was Wunder, daß die begonnene wurzelreiche Entwicklung nicht die gewünschten Früchte gebracht hat! All die Bemühungen der gesamten Judenheit und die Anstrengungen der palästinensischen Ansiedler zerschellten an der Wand der türkischen Gleichgültigkeit und der Willkür ihrer Behörden und Satrapen. Aber auch die unmittelbare Wirkung der zentralen Regierung war nicht immer fördernd für die Entwicklung Palästinas. Die Türkei war mißtrauisch, wie es die Regierung jedes Landes ist, in dem Machtlosigkeit und Korruption regieren. Ohne in der Lage zu sein, die weiten Provinzen wirtschaftlich und politisch genügend stark an sich fesseln zu können, erblickte die Regierung eine politische Gefahr in jeder Bewegung, die ernstlich auf die Intensivierung eines ihrer Länder gerichtet war. Die Geschichte der jüdischen Siedlung kann dafür eine Reihe Illustrationen liefern. Weswegen scheiterte z. B. so schnell das großzügige Unternehmen des türkischen Herzogs und jüdischen Mäzens, Don Josef Nasi, eine breit angelegte jüdische Siedlung in Tiberias zu errichten? Innerhalb des Judentums sprach alles für den Erfolg dieses Werkes. Einen einflußreicheren Mann konnte man damals im Judentum kaum ausfindig machen, und der Eindruck seines ersten Aufrufes war überwältigend. Auch die Türkei hätte sich kaum einen treueren und ergebeneren Freund wünschen können als diesen jüdischen Nasi, der, von Marannenschmach zum Diplomatentisch gelangt, seine ganze Kunst und Begabung dem türkischen Staat gewidmet hatte. Wie die neuen Quellenuntersuchungen schließen lassen, erblickte aber auch hier der neue Sultan Murad III. eine Gefahr, und der Initiator selbst sah sich gezwungen, seinen vielverheißenden Lieblingsplan aufzugeben. Und welche Gefahr für die Integrität des Osmanischen Reiches trug die messia- *) s. Prof. D. Kaufmann im Jahrbuch „Jerusalem" von M. Luncz, Bd. II. S. 143 ff. **) s* D^KfiT ntnn Venedig 1631, und M. Steinschneider, „Statthalterwirtschaft in Jerusalem im Jahre 1625" im Sammelbuch „Sippurim" IV von Pascheies, Prag 1883, S. 49—60. ***) s. di^TV 0)bv )bi<V Berlin 1716 und M. Steinschneider in „Zeitschrift des deutschen Palästinavereins" B. III, 1880, S. 226 ff.