Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Vierhundert Jahre türkisches Palästina
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 703 (sequence 2)
- Language
- German
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Vierhundert Jahre türkisches Palästina 703 D ie Türkei war ein europäischer Staat mit einer großen und einflußreichen Judenheit. Seit Kalif Omar (634) Jerusalem und ganz Syrien erobert hatte, war eine Scheidewand zwischen dem in Europa zerstreuten Judenvolk und dem einem asiatischen Reiche angegliederten Judenland errichtet. Für die Kultur- und Verkehrsverhältnisse des Mittelalters bedeutete dies eine Trennung, die unüberbrückbar erschien. Nur für eine kurze Spanne Zeit verbanden die Scharen der Kreuzfahrer den islamischen Osten mit dem christlichen Europa. Und in dieser Zeit erwacht in der Tat das lebendige Interesse des Judentums am irdischen Palästina. Von neuem zogen Pilger und Siedler, von neuem wurden Lieder der Erlösung gesungen. Dieser Zeitraum war aber zu kurz und die neuen christlichen Herrscher zu sehr vom Judenhaß und Fanatismus durchdrungen, um aus dem entfesselten Interesse dauernde Werke entstehen zu lassen. Trotzdem verlief diese Zeit des europäischen Einflusses nicht spurlos. Die ersten Anfänge der neuen jüdischen Siedlung rühren aus dieser Epoche. Und als wieder eine nichteuropäische Macht die christlichen Kolonien zerstörte und die Herrschaft über Palästina übernahm — die Ägypter —, beschränkte sich das Interesse mehr auf die Juden des Orients selbst. Aus Mesopotamien, Kurdestan, Ägypten rekrutierten sich damals die jüdischen Pilger. Die große Judenheit Europas aber blieb so gut wie unbeteiligt an diesen Wallfahrten. Erst 1517 kam Palästina wieder an eine europäische Macht, die mit dem gesamten Judentum die lebhaftesten Handelsbeziehungen unterhielt und selbst eine große Judenheit besaß» Wie eine Vermittlerin war die Herrschaft Konstantinopels zwischen dem europäischen Judentum und dem asiatischen Palästina. Konstantinopel und Adrianopel, Saloniki und Brussa, große jüdische Gemeinden waren es, die Zehntausende Juden zählten, deren Ruhm weit in die Zerstreuung ausströmte und die eine Anziehungskraft auf alle Exulanten, die in allen Enden der Diaspora versprengt waren, ausübten. Zusammen mit dem neu angegliederten Ägypten stellte damals die türkische Judenheit den kräftigsten und zukunftsreichsten Zweig der gesamten Judenheit dar, und die Angliederung Palästinas an die Türkei bedeutete daher zugleich seinen direkten Anschluß an das Herz des ganzen Volkes. Diesem objektiven Vorzug der türkischen Herrschaft für die jüdischen Palästinahoffnungen gesellte sich ein zweiter, der von noch größerer Bedeutung war. Die Türkei war den Juden gegenüber tolerant. Sie war in jener Zeit der einzige Staat Europas, der dem Einfluß der judenfeindlichen und inquisitorischen Kirche entrückt blieb. In Westeuropa ging das Märchen um, die Juden vergifteten die Brunnen; in Konstantinopel war ein Jude Leibarzt des Sultans. In Südeuropa bedeutete jedes Bekenntnis zum jüdischen Glauben den Weg zum Scheiterhaufen; in der Türkei war die jüdische Religion öffentlich anerkannt und emanzipiert. Im Divan saß der jüdische Chachambaschi zugleich mit dem griechischen Patriarchen und in den Städten der Türkei blühten die jüdischen Religionsschulen. Wie einst in Spanien standen hier einzelne Juden an der Spitze der Diplomatie. Was Wunder, daß manche jüdischen Zeitgenossen die Türkei als die von der Vorsehung bestimmte Ablöserin Spaniens betrachteten? Ein westeuropäischer Reisender (J. Zarfati), der nach der Türkei kam und sich die Stellung der Juden in diesem Lande ansah, richtete einen begeisterten Appell an die Judenheit Europas, die Länder ihrer Verfolgung zu verlassen und sich nach der gastfreundlichen und zukunftsreichen Türkei zu begeben, wo sie übrigens auch mit Palästina in nähere Verbindung treten könnten.