Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Von jüdischer Prophetie und Mystik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 700 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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7oo Meir Wiener; tive im Denken und Leben schafft. Die Logik steckt nur Grenzen ab; ein Ding -wird aber nach der Definition kleiner und unfreier. Absolute Durchführung der logischen Operation müßte schließlich zur völligen Auflösung der Dinge und ihrer Begriffe führen. Schon das einzwängende Wort macht sie kleiner, wie erst die streng durchgeführte Definition. Der Schluß und das Urteil sind zu ärmliche Rekonstruktionen, um uns für die Vernichtung entschädigen zii können; sie sind ein Überbleibsel des von den Lebensinteressen Geretteten in logischer Kompromißform. 5- Schon der bloße Akt der Darstellung bedeutet einen ungeheueren VerzicÄt, da ohne gewaltige Abstraktionen, also Einschränkung keine Darstellung zustande kommt. Ja sogar wirkliche Schöpfung ist für die sie auflösende Kraft eine unermeßliche Einschränkung. Aus dieser Erwägung heraus, läßt die Lurjanische Kabbala Schöpfung durch „Zimzum": durch Einschränkung entstehen. Es ist dies nach der Kabbala die große Tragödie des Seins, daß schon die Schöpfung eine Einschränkung zur Voraussetzung hat. Die Göttlichkeit ■ des eigentlichen Seins muß sich einschränken um menschlich zu werden. Jene aber, die aus einem der Bequemlichkeit entspringenden Bedürfnis, die Wahrheit faßlicher zu machen, und aus einer in der Veranlagung wurzelnden besonderen Fähigkeit, die schon an sich beschränkte Schöpfung auf einige einfachste Linien zu bringen und mit wenigen Hauptmerkmalen festzunageln, die Wissenschaft gebrauchsfähiger und sozusagen handlicher zu machen versuchen, begeben sich freiwillig der Gnade des Eindringens in das Innere der Dinge. Sie vermögen zwar die Dinge mit der größten Leichtigkeit aus dem chaotischen Aufbewahrungsort hervorzuholen und mit ihnen zu spielen; in sie eindringen, sie wirklich ganz sehen, sie erleben, wie sie beim ersten entdeckenden ursprünglichen Schauen erlebt wurden, diese Möglichkeit haben sie vernichtet, indem sie den Dingen ihre eigene Form nahmen und nur die äußersten Umrisse festhielten, wie in einer Zeichnung, ohne Wirklichkeitsflächen undDirighaftigkeit Darum verzichtet der große Prophet und Mystiker meistens darauf, seine Visionen in Büchern niederzulegen. Von Mosche, „dem Herrn der Propheten*4, Jeschajahu, Jeschu, Jizchak Lurja, Israel baal schem tob und Rabbi Nachman von Brazlaw, was können wir von ihnen mehr mit Bestimmtheit behaupten, als daß sie gelebt und gewirkt haben? Sie alle verschmähten es ihre Visionen und Erlebnisse in Büchern zu schildern. Was wir von ihrem Denken*, Lehren und ihren Visionen wissen, verdanken wir den Aufzeichnungen ihrer Schüler, Jünger und Genossen. Salomoh Schlomel b.ChaimMeinstral aus Lundenburg, nachher in Safed Schüler des Lieblingsschülers Lurjas Chaim Vidal Calebras, erzählt in einem Briefe an Jossef del Medigo (1608) *): „Als die Jünger einst in Rabbi Jizchak Lurja drangen, warum er seine Lehre nicht niederschreibe, antwortete der Meister: „Sobald ich etwas in Worte fassen will, schwillt und schwillt der Gedanke immer mehr auf und seine Wogen überschwemmen die Ufer der Wortdämme; da suche und suche ich nach einer List, um dem Gedanken beizukommen und einen schmalen Abfluß zu finden, durch den ich euch die Gedanken zuleiten könnte, Worte, in die ich die Geheimnisse, die mich tief bewegen, zwängen könnte .... Doch, wie sollte ich es wagen, diese ungelenken Worte für immer ohne meine berichtigende Aufsicht zu wissen?" *) Taalumoth chochmah, Basel 1628 p. 37.