Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Von jüdischer Prophetie und Mystik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 699 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Von jüdischer Prophetie und Mystik muß der große Vorzug des lebendigen, frischerschauteri Berichtes des wahllös schildernden Kindes, weil es zwischen Wesentlich und Unwesentlich keinen Unterschied macht, hervorgehoben. werden. Denn, kaum kommt an des Kindes Statt ein vernünftiger Erwachsener, um den nach Außenwelt Schmachtenden das Geschehene mitzuteilen, gibt er ihnen statt des lebendigen, ganzen Bildes nur das Gesamtergebnis seines Schauens, so wie es seine Vernunft geordnet und in ein totes Schema gepreßt hat. Kein Bild wird ihr Herz erquicken, denn sie bekommen es vergewaltigt, arm und tot zu sehen, als Quintessenz eines fremden Schauens. Wenn die Wissenschaft einzig und allein nur nach den Gesetzen der Logik arbeiten sollte, müßte sie der eigentlichen Forschung hemmend entgegentreten, da die Logik jede Erfindung im voraus ausschließt. Es ist kein Paradox: die Wissenschaft ist nie mehr als die Summe des jeweilig fertiggeordneten, reduzierten Wissens- (Glaubens-) Materials. Durch rein logische Behandlung kann das Material bestenfalls gedrängter und auf ein Minimum reduziert werden. Für die Logik kommen „Möglichkeiten" nicht in Betracht, ja sie schließt sogar ihr Vorhandensein aus. Die Logik ordnet das Seiende. Erst die Vision in ihren verschiedenen Äußerungen und Kundgebungen schafft andere Seinsmöglichkeiten und ermöglicht so die wissenschaftliche Forschung, indem sie die wichtigste Voraussetzung für die Erfindung, für das bis nun Unbekannte schafft. Lange noch nach der Schöpfung stemmt sich die Logik gegen die zwingende neue Wirklichkeit, wie sich immer ein System gegen neu hinzukommendes Material, wenn es auch noch so wirklich und wahr ist, stemmt, aus dem Gefühl des Unbehagens dem Chaotischen, Rohen, Ungeordneten gegenüber. Die Philosophie ist eine spätere Entwicklungsstufe des Mythos; ist ein reduzierter Mythos. Der Mythos ist die Sonne, die mit ihrem Erscheinen ein gewaltiges, üppig wucherndes Pflanzenreich der toten Erde entreißt; die Philosophie beschneidet das Gestrüpp zu einer großen leicht übersichtlichen Linie. Man behauptet oft, daß der Glaube eine Art abgestandene, erstarrte Philosophie sei, während doch im Gegenteil die Philosophie ein erstarrter, eingeschränkter Glaube ist. Folgendermaßen stellt sich mir der Unterschied zwischen Mythos, Glaube und Mystik dar: Unter Mythos verstehe ich jene lückenlose, reiche, von der Logik unbeeinflußte Erklärung aller Erscheinungen und ihrer Zusammenhänge, wie sie die schöpferische Prophetie in der Vision gibt. Der Mythos ist aber eine vor langen Jahren erschaute Vision, er ist historisch. Die Überreste des Mythos, durch Logik stark eingeschränkt und zusammengeschmolzen, fortbestehend in allen positiven Behauptungen in der Philosophie, Wissenschaft, Religion und Dichtung nenne ich Glauben. Der Glaubende muß nicht auch schöpferisch veranlagt sein; er übernimmt nur das Überkommene; verhält sich also wiewohl bejahend doch passiv. Wer aber unbeschadet des traditionellen, historischen Mythos und Glaubens, im Anschluß an ihn, in Gegnerschaft, oder ganz selbständig in voller Unabhängigkeit Glaubensmaterial durch Visionen schafft, den nenne ich Mystiker. Die Mystik ist neue, weder zur Geschichte wie der Mythos, noch zur Religion, Philosophie und Wissenschaft eingeschränkte Vision. Flüssige, noch nicht erstarrte Lava. Mythos ist also die historisch gewordene Vision; Glaube, praktischer, logisch reduzierter Mythos; Mystik, der lebendige Mythos der Gegenwart. Die Vision in diesen drei Unterscheidungen ist es, die alles Bejahende, Posi- 47*