Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Von jüdischer Prophetie und Mystik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 701 (sequence 10)
- Language
- German
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Von jüdischef Prophetie und Mystik 701 Aus demselben Grunde sehen wir die Mystiker immer einreine Jünger besonders bevorzugen und sie oft sogar höher als sich selbst stellen. So Lurja seinen Schüler Chaim, so Baal schem tob den Dob von Meseritsch. Diese beiden größten jüdischen Mystiker im letzten halben Jahrtausend sehen ihre Sendung nur in der Erleuchtung ihrer Schüler. Der Mystiker kann nie richtiger Lehrer werden, sein Jünger muß ihm, bis auf das Entscheidende, ebenbürtig seih. Der Okzidentale, besonders sein höchster Vertreter, der Grieche versucht das Wesen des Dinges, von den Einzelheiten ausgehend und so sukzessiv es mit seiner Vorstellungskraft erfassend, durch eine Art geistiger Betastung zu begreifen. Die prophetische Erkenntnis geht vom Inneren des Dinges aus und erschaut, erfühlt es von dort. Der Prophet wird zu einem Teil des Dinges, er lebt und leidet mit dem Sein und erlebt dadurch das Wesen des Dinges, als ob es sein eigenes wäre. Wie kann aber solche erlebte (nicht erkannte) Wahrheit mit epischer Ruhe geschildert werden? Der einzig mögliche Ausdruck ist da der explosiv-lyrische. Nur der Erkenner, der Grieche, der in das Innere der Dinge nie eindringt, der sie nur von außen betastet, kann das Sein episch behandeln. Der Weg von der Vision zur Philosophie ist zugleich der vom Subjektivismus zum Objektivismus. Daher auch die einzig dastehende Fähigkeit der Griechen im Schildern, im Bilden des äußeren Geschehens, des äußeren Seins, daher die in der Kulturgeschichte einzig dastehende Epik der Griechen, weil Epik die höchste Art der Schilderung des Äußeren ist, wie Lyrik die des Inneren, nur bei ihnen konnte die Lehre von der Idee als einzig wahres Sein entstehen; die Ordnungstätigkeit zur Wirklichkeit erhoben werden. Das ist auch der Grund, warum der Mystiker — es gibt auch solche, die unter äußeren Einflüssen selbst Philosophie treiben, aber bei ihnen bleibt der vorherrschende Grundcharakter bestimmend —darauf verzichtet, das höchste Prinzip zu definieren: er behilft sich statt dessen mit der Negation, die überall dort einspringt, wo es zu beschränken gilt. Jedidjah (Philon) ist die Göttlichkeit ein inotog, aller Qualität unbedingt ermangelnd und nur durch Negation erschließbar. Auch der jüdisch-arabischen und der arabischen Philosophie ist die negierende Bestimmung die einzige Möglichkeit, die furchtbare Fülle des göttlichen Seins — nicht zu begrenzen, davon wird Abstand genommen — vielmehr zu benennen. So versuchen auch die Mystiker der Scholastik immer wieder das Letzte durch Negation zu bestimmen. Die Kabbala und der Chassidismus nennen das Vollkommenste im Bewußtsein von dessen Undefinierbarkeit und im Gefühle, daß hier jedes Prädikat Einschränkung bedeutet — schlechtweg Ajin: Nichts. Ebenso Meister Eckhart, Nikolaus von Cusa, Böhme und Swedenborg. Das Judentum weist in all der ungeheueren Mannigfaltigkeit bei einer großen Schöpferkraft einen auffallend unphilosophischen Zug auf. Sogar die Religionsphilosophie bleibt dem eigentlichen Judentum, trotz ihrer glänzenden Vertreter fremd. Es ist aus dem Geiste des Judentums gesprochen, wenn der feine, philosophisch geschulte Jossef del Medigo schreibt: „Sie irren gründlich, jene Philosophaster, die glauben, daß die Propheten philosophisch gedeutet werden können; wozu ihre Worte verdrehen, den wahren Sinn abstreifen, wenn er doch so zwingend klar leuchtet. So wahr ich lebe! es tut dies nur einer, der den Worten unserer Weisen nicht ganz traut." Zürich Meir Wiener i