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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 698

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Von jüdischer Prophetie und Mystik
Date
1917-01-01
Page
698 (sequence 7)
Language
German
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698 Meir Wiener: eines Palastes verborgenen Schönen, die, während ihr Freund und Geliebter vorübergeht, auf einen Augenblick ein heimliches Fenster öffnet, und von ihm allein gesehen sich dann bald wieder zurückzieht und auf lange: Zeit verschwindet, so zeigt auch die Lehre sich nur den Auserwählten, aber auch diesen nicht immer in gleicher Weise. Anfangs winkt sie den Vorübergehenden bloß mit der Hand zu; es kommt darauf an, ob er den leisen Wink gewahrt; das ist die unter Remez gemeinte Deutung. Später tritt sie ihm etwas näher, lispelt ihm einige Worte zu, doch ist ihr Antlitz in einen dichten Schleier gehüllt, den seine Sinne schwer zu durchdringen vermögen; das ist der Derusch. Noch später unterhält sie sich mit ihm, das Angesicht mit einem feinen Flor bedeckt; das ist die rätselhafte Nebelsprache der Agada. Hat er aber auf solche Weise sich an ihren Umgang gewöhnt, so zeigt sie sich ihm endlich von Angesicht zu Angesicht und vertraut ihm die innersten Geheimnisse ihres Herzens ..." 4- Das in einer großen seelischen Erschütterung Erschaute kann natürlich nur auf annähernd dieselbe Art dargestellt werden. Nichts Ganzes, Geschlossenes, Geordnetes gibt uns darum der schöpferische Mystiker, auch der griechische nicht; das ist Sache des Philosophen. Wie der Lyriker seine Erlebnisse nur stammelnd und bruchteilweise schildern kann, so spricht auch der Mystiker, seine Vision sich nochmals vergegenwärtigend und sie in Momentgruppen erfassend, auf eine dem Lyrischen nahe kommende Art; weil sie infolge ihrer Feinheit und Zartheit nicht zu einem Ganzen gewoben werden kann und wenn nicht in Fragmenten festgehalten, sich einfach verflüchtigt. Nur in solcher Unform ist der Mystiker imstande sich dem Auserwählten mitzuteilen: der mindeste Versuch einer Formwahl — in Form setzen kann man nur durch Wahl und Wahl verzögert, kühlt ab, schränkt ein — vernichtet die mystische Klarheit, so daß beim Hören oder Lesen der Vision ein fremder, unwahrer, nichtbeabsichtiger Eindruck ausgelöst wird. Der Mystiker vermeidet nach Möglichkeit die Mitteilung, er schreckt davor zurück, seine Gedanken in die flatterhafte Hülle der Worte zu kleiden. Maimuni erklärt die Ursache*). ,,Es gibt Gegenstände, von denen tiefsinnige Denker sich zwar eine Vorstellung machen können, die aber bei dem geringsten Versuch, sie anderen mitzuteilen und den inneren Gedanken in äußere Form zu kleiden, ihren Gehalt verlieren und einen ganz anderen Sinn ausdrücken; daher empfiehlt sehr richtig unsere Mischnah . . . nur wenn er ein Weiser oder Selbsterrater ist, darf man ihm die Umrisse andeuten." Das erklärt das Durcheinander von Erhabenstem und Nebensächlichstem in den Büchern der orientalischen Weisheit. Der Prophet stammelt das Erschaute ganz unbefangen, gleichsam ein Kind, das aus einem finsteren Gefängnis, durch eine kleine Luke in die weite helle Welt sieht und den in der Finsternis angekettet Schmachtenden unbefangen, wahllos das Geschehene mitteilt. Die Gefangenen beachten vieles von dem, was ihnen das von Licht und Weite hingerissene Kind sagt, anderes verstärken sie zu der sie wahrscheinlich dünkenden Größe, manches lassen sie unbeachtet nach Gutdünken und schaffen sich so ein annähernd ähnliches Bild von der Außenwelt. Nichtsdestoweniger *) Mischnahkommentar Chagiga 2a.

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