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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 696

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Von jüdischer Prophetie und Mystik
Date
1917-01-01
Page
696 (sequence 5)
Language
German
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6g6 Meir Wiener: gemeint, wenn gesagt wird: ,sie wußten und begriffen es nicht, daß sie da im Finsteren wandeln/ Sie haben keine Ahnung vom Glänze der Wahrheit und von diesen wird gesagt: ,Und sie sahen ihn nicht, den klaren Glanz des Himmels'; das ist die Menge, für die übrigens diese Abhandlung nicht geschrieben wurde. „Wisse ferner, daß, wenn es einen Vollkommenen gelüstet, die Geheimnisse, wie er sie erfaßt, mündlich oder schriftlich zu schildern, es ihm nie gelingen wird, das in starker Beleuchtung Erschaute ebenso klar darzustellen und'geordnet wiederzugeben, wie es sonst bei den anderen Wissenschaften ohne weiteres geschieht. Die Darstellung der göttlichen Wissenschaft kann nur gelegentlich des Lehrens, des Übermitteins an Schüler einigermaßen erreicht werden: indem dadurch das Erschaute nochmals klar vergegenwärtigt wird bei dem Bestreben, es mitteilbar zu machen. Weil es eben in der Natur dieser Lehre liegt, daß ihr innerstes Wesen sich nur für Bruchteile eines Augenblicks offenbart, um gleich nachher für immer zu verschwinden. Und auch beim Lehren gelingt die Darstellung nur einigermaßen, so daß es höchstens gelingt, das Erschaute in Gleichnissen, Bildern und Rätseln auszudrücken; die meisten Gleichnisse und Bilder sind aber nie genau eindeutig, man kann sich unter ihnen manches hinzu- und wegdenken. Manchmal wieder müssen Bilder, die nur zum Teil passen, für das Ganze angewendet werden aus Mangel an passenderen. Wenn aber jemand, durch dieses Übel bewogen, die Bilder und Gleichnisse streng meidet, so werden seine Gedanken unvorstellbar und unverständlich. „Es werden darum besonders solche, verschiedene Deutungen zulassende Begriffe und als gemeinsame Benennungen für verschiedene Dinge dienende Worte gewählt, damit die Volksmenge die Dinge nach ihrem Verstände und schwacher Vorstellungskraft verstehe, dagegen aber der eingeweihte Vollkommenere sie auf richtige Art erfasse." 3- Also nur Umrisse, weit auseinander stehende Leitersprossen für die kletternde Intuition darf nach Maimuni — im Bewußtsein der Unausdrückbarkeit des Erschauten — der Lehrer dem Schüler geben. Es ist auffallend, daß dieser unerbittliche Rationalist die Einsicht als blitzartige Erleuchtung schildert. Was ist aber der griechischen Auffassung von der Erkenntnis, die ihnen höchste Steigerung der ordnenden Ruhe bedeutet, fremder, als die Zurückführung der Erkenntnis auf Erleuchtung? Nur dem Orientalen ist die Erkenntnis erschütternde Explosion. Und wenn Maimuni, dieser sonst fanatische Rationalist, der nur die Seelen der Vernünftigen als unsterblich gelten läßt, und die Seligkeit des künftigen Lebens als ein schrankenloses Verstehen auffaßt, in Mose, dem „Herrn der Propheten", zugleich auch den größten Erkenner sieht, ist es der beste Beweis, wie tief die Überzeugung von der Priorität der visionären Erkenntnis über das logische Denken im Geiste des Judentums wurzelt. Das Lehren der Mystik wirkt erschütternd sowohl auf den Lehrer wie auf den Jünger; es ist kein Gegenstand, den man beherrschen, über dem man stehen kann. Mächtiges, Gigantisches wird mit der Lehre heraufbeschworen. Es sei mir verstattet, eine Agada zu zitieren: „Die Rabbinen lehrten: Einst war Rabbi Jochanan ben Sakkai und Rabbi Eleasar ben Arach auf dem Wege; Rabbi Jochanan ritt einen Esel und Rabbi Eleasar trieb ihn an. Sagt Rabbi Eleasar:

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