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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 695

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Von jüdischer Prophetie und Mystik
Date
1917-01-01
Page
695 (sequence 4)
Language
German
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Von jüdischer Prophetie und Mystik 69 5 auf den Talmudausspruch hingewiesen, wo es heißt: ,die Lehre der Maasse merkaba*} darf einem Einzelnen nicht übermittelt werden; er sei denn ein Weiser, der selber zu erraten versteht, darf man ihm die Umrisse andeuten/ Du wirst also in dieser Abhandlung nur Umrisse, einen knappen, andeutenden Entwurf zur Lösung der Fragen, und sogar diese Umrisse nicht wohlgeordnet finden. Sie sind untereinander geworfen und von anderen Problemen unterbrochen, da es mir nicht auf die Einzelmomente ankam, die, nachdem sie ihren Dienst geleistet, ganz verschwinden können, sondern darauf, daß du von der Wahrheit erleuchtet wirst, daß du die Richtung der Gottesabsicht erkennst, die nicht mißverstanden werden darf, damit dir die einzigen Wahrheiten werden, die der Menge verborgen bleiben, wie geschrieben steht: ,Das Geheimnis Gottes seinen Fürchtigen/ - „Wisse ferner, daß auch die Prinzipien der Naturwissenschaften nicht schon nach flüchtigen Vorbereitungen gelehrt werden dürfen; nach dem bekannten Ausspruch des Talmuds: ,Auch darf die Schöpfungsgeschichte**) nicht zweien gelehrt werden'.***) Sobald aber eine Lehre in ein Buch niedergelegt wird, ist es, als ob du sie Tausenden lehrtest. Darum auch wird von diesen Fragen (der Naturwissenschaft wie der Gotteswissenschaft) in den Büchern der Propheten nur in- Gleichnissen gesprochen, darum sprachen sich unsere Lehrer die Talmudisten, über diese Fragen nur in Rätseln aus: weil eben die Naturwissenr Schäften und die Gotteswissenschaft sich sehr nahe berühren und weil die ersteren viele Geheimnisse der letzteren enthalten. „Und glaube nur beileibe nicht, daß diese mächtigen Geheimnisse einem Weisen bis zu ihrem tiefsten Grund und Boden anhaltend vor Augen sein können, daß auf der Höhe der Erkenntnis ausgeharrt werden kann. Nein. Es erglänzt uns nur gleichsam, manchmal in seltenen Augenblicken, die Wahrheit, so daß wir sie etwa einen Tag lang denken können, um wieder allmählich zu verschwin* den, uns in der Nachtfinsternis zurücklassend, in der wir uns gewöhnlich befinden. „Die Erleuchtung kommt, wie von einem Blitz. Dem einen blitzt es in der finsteren Nacht unaufhörlich, mit ganz kurzen, nicht wahrnehmbaren Unterbrechungen, so daß er in einem ständigen Lichte weilt, und finstere Nacht ist ihm heller Tag. Das ist der Zustand des Herrn der Propheten (Mose), dem Gott gesagt hat: ,Und du bleibe da mit mir stehen', und über den geschrieben steht:.,da sein Angesicht strahlte*. Ferner gibt es solche, denen auf jeden Blitz eine lange Unterbrechung folgt; so ergeht es den meisten Propheten. Auch solche gibt es, deren ganze lange Lebensnacht nur ein einziges Mal vom Blitz erhellt wird;, die sind von der Art: ,sie prophezeieten und fuhren nicht fort* (Eldad und Medad). Ferner gibt es solche, die die hohe Stufe der blitzartigen Erleuchtung nicht erT reicht haben, denen aber doch eine leuchtende Sternschnuppe oder ein Meteor oder sonst eine Leuchte geschimmert hat. Auch dieser Zustand ist nicht verharrend, die Leuchte erscheint und taucht nach einer Weile in die unerforschten Schlünde der Finsternis unter, gleichsam der Glanz einer sich umdrehenden Klinge. So stufen sich die Grade der Vollkommenheit ab. Diejenigen aber, denen da nie ein Licht geleuchtet, fürwahr, sie tappen in der Finsternis, und die sind *) Die Geschichte vom Wagen: Gottesmysterien. Ursprünglich sind damit die Visionen Ezechiels gemeint. **) Naturmysterien. Einschränkung der Schülerzahl, damit die Lehre nicht Unreifen oder unzulänglich Vorbereiteten zum Schaden gereiche.

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