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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 694

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Von jüdischer Prophetie und Mystik
Date
1917-01-01
Page
694 (sequence 3)
Language
German
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694 Meir Wiener: wachsenden Schneeball seiner visionären Erlebnisse immer weiter, ohnedas mindeste im Laufe der Zeiten auszuschalten, bis es zum erschreckenden Monstrum anschwillt. Ebenso wäre es töricht, zu behaupten, daß den Griechen die Fähigkeit der Vision abgehe. Es wird vielmehr so manches bei ihnen um jeden Preis philosophisch ausgelegt, was reinstes Visionsprodukt, reinste Religion und Mystik ist Es ist eine Rückständigkeit von der Aufklärungszeit her, daß in den Darstellungen des griechischen Gedankens das Religionsmoment so sehr vernachlässigt wird, als etwas Störendes und die Klarheit des philosophischen Bildes Trübendes; darum wird dieses Moment entweder einfach ignoriert oder durch philosophische Auslegung vergewaltigt. Doch das bleibt wahr, daß das eigentlich Griechische nicht die Vision ist. Den Mythos holt sich der Grieche von den Orientalen, worüber uns die allerdings selbständige Verarbeitung nicht hinwegtäuschen wird, und ist ganz in der Vision des Ostens befangen, ohne, im absolut positiven Sinne, irgendwie Entscheidendes bis auf die; freilich nie gesehene, schönste, Form zu leisten. Der Grieche ist der Meister der Form; der materiellen, künstlerischen und der gedanklichen, systematisierenden; Material kann er nicht selber schaffen, er muß es von anderen holen. Es erscheint paradox. Die Griechen, das Volk des Homer, arm an selbständigem Mythos? Und doch ist es wahr, daß unter diesen köstlichen Hüllen, und diese sind wahrlich eine rein griechische Schöpfung, orientalische Geister sich verstecken. Sie wurden nur von dem gewaltigen Bann der Form so ins Okzidentale gezaubert und verwandelt, daß, als man bereits daran war, die wirklichen Ursprünge des Mythos zu vergessen, sie, als die vermeintlich griechischen lebendiger als je waren. 2. Der tiefe Kenner der jüdischen Mystik D. H. Joel schreibt in seinem Buche „Die Religiorisphilosophie des Sohar" (1849): „ . . . da, wo es sich vorzüglich um Erkenntnis des ursprünglichen Geistes des Judentums handelt, weniger jene freie, spekulative, mehr von außen hergebrachte und oft aus ihrer Fremdartigkeit gar keinen Hehl machende Richtung (von Saadia Gaon, Maimuni ab), die scholastische Philosophie, als vielmehr die mystisch-traditionelle (in den Werken der Kabbala niedergelegt), die orientalisch-theosophische, zum Teil wirklich auf älterer Tradition fußende, jedenfalls aber mehr aus dem Innern des Judentums heraus sich entwickelnde Richtung ins Auge zu fassen sei." Dasselbe gilt fast für alle Kulturen des Orients, die arabische nicht ausgenommen. Es streift ans Wunderbare, daß Maimuni, der große Aufklärer, es verstanden hat, seiner inneren orientalischen Veranlagung treu, trotz der gefade bei ihm übermächtigen okzidental-logischen Einflüsse, die hohe Bedeutung der Prophetie richtig einzuschätzen und eine großartige, präzise Schilderung des prophetischen Vorganges zu geben. Er ist der starrste Rationalist, und doch ist ihm die höchste Erkenntnis die visionäre. Er schildert den prophetischen Vorgang in dem Briefe an seinen Lieblingsschüler Jossef Schaz ben Jehuda, für den er den More schreibt*): „Wir haben es bereits in unseren talmudischen Werken hinlänglich erörtert und stellen unter anderem den Gegensatz der Schöpfungsgeschichte als Inbegriff aller Naturwissenschaften zur Maasse merkaba als der Gotteswissenschaft fest. Ferner haben wir bereits *) Von S. Ibn Tibbon dem More als Einleitung vorausgesetzt. Sabionneta 1552 p. 4*

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