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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 693

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Von jüdischer Prophetie und Mystik
Date
1917-01-01
Page
693 (sequence 2)
Language
German
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Von jüdischer Prophetie und Mystik 693 zur lauteren Wahrheit erglühen macht Logisch verfahren aber heißt, trotz der scheinbar „bindenden" Tätigkeit in den „zwingenden" Schlüssen, Auswahl treffen^ unterscheiden, abgrenzen — beschränken. Das ist auch der Grund, weshalb der orientalische Weise bei der Wahl seiner * Schüler so exklusiv vorgeht und warum ihm die Annahme seines Jüngers ein Mysterium ist, während die griechische Philosophie ihre Weisheit in die Straßen hinausschreit. Philosophie braucht man eben zu verstehen und das kann jedermann bei gewissen geistigen Qualitäten zustande bringen. Prophetenvisionen dagegen können nur nacherlebt werden und dies bedingt außer den geistigen Qualifikationen, die zum Verstehen nötig sind, andere sehr seltene Voraussetzungen. Die Tatsache, daß Prophetenvisionen auf die Massen so wirksam sind, deutet durchaus nicht auf ihre leichte Faßlichkeit hin, im Gegenteil kommen die Bilder und die Visionen den Massen noch gar nicht zu Bewußtsein, während sie schon vom göttlichen Funken hingerissen rasen. Es ist die gewaltige Wucht der lebendigen, glühenden Wahrheit, die dämonische Überzeugungsmacht des geschauten Gesichtes, der erschauten Wirklichkeit, die so berauschend wirkt, wie eben alles wirkliche Sein schon in seiner Oberfläche die stärkste Wirkung in uns auslöst, ohne daß wir in alle seine Tiefen erst eindringen müßten. Um den Meister ganz zu begreifen, muß der Jünger ein Auserwählter, ein mit der göttlichen alogischen Gabe der Intuition Ausgerüsteter sein, dem eigentlich nur noch die Eröffnungen des Meisters fehlen, um die höchste Stufe zu erklimmen; muß selber schöpferisch veranlagt sein, muß das meiste selbst erraten können; weil dem Meister nicht die episch ruhige Mitteilungsart der Philosophie zu Gebote steht, bei der der Jünger, sich der einfachen leichten Führung anvertrauend, nicht nötig hat, dem Lehrer tastend und suchend vorauszueilen. Bei einer philosophischen Darstellung verlöre die Vision das Wichtigste ihres Charakters; sie wäre für den Verstand zugerichtet, während sie Intuition auszulösen hat. Im Vollbewußtsein der Unzulänglichkeit der Darstellung schließt oft der Sohar, der tiefste Born der jüdisch-mittelalterlichen Mystik, mit dem Ausspruch: „Nicht jedes Gehirn mag dies geltenlassen, nur allein jene heiligen Weisen.. Des griechischen Philosophen Ideal ist das Verstehen der Wahrheit. Äußert sfch dieses aber anders als in der Zersetzung und in einer Art Wahl unter den längstbestehenden Wahrheiten? Diese längst bestehenden, auch die allereinfachsten Wahrheiten wurden dem Menschen in der visionären Ekstase und blieben nachher — wie noch auseinandergesetzt werden soll — durch Glauben aufrecht erhalten bis zur Einsetzung der logischen Vernichturigsarbeit. Keine, nicht die mindeste Tatsache, die i s t, wird durch die Vernunft geoffenbart. Nur allein die Vision schafft das Sein; blind, wahllos, roh, und rettet gleichsam die ganze Welt in das Bereich unserer Erkenntnis hinüber. Es soll beileibe nicht behauptet werden, daß die Orientalen nie geordnete Wissenschaft trieben. Abgesehen von der Tatsache, daß die Anfänge fast aller Wissenschaften im Orient liegen, gibt es in orientalischen Literaturen Riesendenkmäler, die Versuche bilden, im Hergebrachten Ordnung zu schaffen. Aber aus eben diesen riesenhaften Denkmälern ist es erst recht zu ersehen, wie wenig dem Orientalen das Systematisieren liegt, wie eigentlich das Hergebrachte nur, weil der Orientale nun einmal nicht gerne vernichtet, als Hintergrund für die eigene schöpferische Tätigkeit dient. Und darum sind diese Systematisierungsversuche unbedingt als neue Schöpfungen zu betrachten. So rollt der Orientale den

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