Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Von jüdischer Prophetie und Mystik
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 692 (sequence 1)
- Language
- German
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692 Meir Wiener: VON JÜDISCHER PROPHETIE UND MYSTIK*) I. Die prophetische Offenbarung in ihren religiösen und dichterischen Kundgebungen füllt den ganzen Seinsraum mit Tatsächlichkeiten aus. Die prophetische Vision entfaltet sich am reichsten, wo ihrer schöpferischen Kraft keine gewaltsamen Vernunftschranken entgegengesetzt werden. Den Orientalen geht die Fähigkeit ab, ihr reiches Visionsmaterial zu ordnen und in „vernünftige** Gedanken umzusetzen. Sie besitzen den unvergleichlich reichsten Schatz des von der Intuition eingegebenen Materials, ohne das jede Logik leer und inhaltslos ist, und doch wird es nicht durch sie, sondern durch die Griechen logisch geordnet und in Philosophie umgesetzt. Die Orientalen haben 'die tiefste Weisheit erschaut, doch findet man bei ihnen kein Bestreben, das Erschaute auch klar und übersichtlich darzustellen. Die Erklärung hierfür liegt nahe; sie begrenzen nichts, weil ihr Schauen schrankenlos ist wie alle Vision; sie schildern ordnungslos, weil auch über sie die Offenbarung ungeordnet kam. Der zur beschaulichen Askese hinneigende orientalische Weise kann der Erkenntnis nur durch angestrengteste Sammlung aller Geisteskräfte, die in der unter gewaltiger Erschütterung erfolgenden Entladung gipfelt, näher kommen. Dieser feuerspeiende Krater ergießt ohne Einhalt durch irgendwelche formende oder ordnende Macht eine ganze Lavawelt, die sich nachher zur geglaubten Erkenntnis mählich verdichtet, um schließlich von der Kälte der logischen Gesetze angeweht zur vernünftigen Weltanschauung zu erstarren. Aber auch nachher, nach dem zeugenden Moment empfindet der Orientale nicht das Bedürfnis, die erschaute Erkenntnis zu ordnen. Das hierzu notwendige Auswahltreffen ist ihm nicht nur nicht wichtig und seinem Wesen fremd, sondern sogar — weil es die Ganzheit der Vision zerstört — Greuel und Sünde. Er zittert davor, seine Torah schebeal peh niederzuschreiben, weil er die verknöchernde Wirkung des Feststeilens verabscheut. Er will alles haargenau so lassen und haben, wie es über ihn kam. Das Auslassen des kleinsten Tüttelchens verdirbt das Ganze auch in der Tat. Alles ist ihm wesentlich, nichts unwichtig; wie sollte es auch anders sein, da diese ordnenden Begriffe eigentlich logische Wertfeststellungen sind, denen man das Verneinende ihres Charakters ansieht. Sie können nur dort angewendet werden, wo etwas auf den logischen Gehalt geprüft, wo etwas logisch gewertet werden soll; wo aber, wie in der Vision, alles erlebt, erschaut werden muß, sind sie bedeutungslos. Das Erschaute kann einem anderen nur mit Hilfe des Bildes veranschaulicht werden, und soll es wahr sein, soll es imstande sein, durch eigne Kraft sich gleichsam nochmals vor den Augen des Jüngers zu wiederholen, muß das Bild genau sein, muß alles so wiedergegeben werden, wie es über einen kam. Und weil fremde Visionen nur intuitiv erfaßt, gewissermaßen erraten werden müssen und die vom Schauenden gebrauchten Bilder die einzigen Anhaltspunkte und Andeutungen für die Intuition sind, muß natürlich jeder Unterschied von wesentlich und unwesentlich verschwinden. Alles ist heilig, weil der wundervolle Glanz sich nicht dem Verstände erschließt, der nur zwischen Gut und Böse zu wählen versteht, sondern dem heiligen Urfunken, der kraft seiner Verwandtschaft alles *) Wir entnehmen diese Fragmente einer uns bereits vor,längerer Zeit zugegangenen, „Anschauung und Begriff" betitelten Abhandlung des Verfassers. (Anm. d. Red.)