Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Alte Friedhofskunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 690 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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6$o R. Bernstein-Wischnitzer: jüdischen Grabplastik auch noch ziemlich reiche Auswahl. Sie. entnahm dem Architekturformenschatz die Bogenstellung, die Säulenstellung, den Architravbau und schließlich die aus diesen Kompositionen kombinierten Stellungen. So bildete sich denn neben und in Verbindung mit der Kartuschengrabplastik eine Reihe von neuen Typen aus, die nicht etwa nacheinander, sondern in ziemlich gleicher Zeit auftraten und dem Geschmack des Steinmetzen oder der Auftraggeber entsprechend gewisse Abweichungen aufwiesen; dabei scheint in Wien die Bogenstellung entschieden der Architravstellung vorgezogen worden zu sein, während das Gegenteil in Prag beobachtet werden konnte. Die Architravstellung besitzt einen Nachteil, der darin besteht, daß die Grabschriftfläche durch das horizontale Gebälk — den geraden Sturz — verkleinert wird, während sie durch den Bogenabschluß naturgemäß an Raum gewinnt. Man entschädigte sich in Prag für den Raumverlust durch die Erweiterung des Frieses, der somit dazu bestimmt wurde, eine ergänzende Schrifttafel aufzunehmen. Sehr beliebt war indessen die Pilasterstellung mit Volutenaufsatz, der zwecks Erhöhung des Inschriftfeldes noch besonders durch Einfügung gerader vertikaler Teile gestreckt wurde; es bildete sich auf diese Weise eine Art Stiegengiebel aus. Der Volutenaufsatz wurde häufig zu einem Bogen erhärtet, der mit Perlenstab, einem Schlußstein und Auflagern versehen wurde und die mannigfaltigsten Formen: den Rundbogen, den Flachbogen, den Stelzbogen, den Hufeisenbogen und im 18. Jahrh. auch den Keilbogen, Eselsrücken genannt, aufwies. Die Verbindung der aufgezählten Typen, eine Zusammenfassung der Ausdrucksmittel, die eine Steigerung der Wirkung bedeutete, wurde in verschiedenartigsten Kombinationen erzielt. Im 18. Jahrhundert traten kaum neue Grabplattentypen hinzu, die bestehenden erfahren aber eine Wandlung, die sich sozusagen in einer Dämpfung des Architektonischen äußert. Das Gebälk, die Säulen werden magerer, zierlicher, die Voluten schrumpfen zusammen, die Rollungen werden mit einer Doppellinie nachgezogen, Rillen treten an Stelle von Buckelungen, plattgedrückte Konsolen und flache Muscheln bilden ein beliebtes Ziermotiv, das stilisierte Rankenwerk wird durch naturalistisch gezeichnete Sternblumen und Lilien, Blätter und Stengel ersetzt. Die Inschriften werden, obwohl die Schrift kleiner und gedrängter wird, nur noch umfangreicher und überziehen in dichten Zeilen Säulenschäfte, Bogen und sogar den Hintergrund der ornamentierten Aufsätze. Ihr sprachlicher Wert sinkt aber trotz oder infolge des Wortreichtums. Derselbe Vorgang läßt sich in der Kunstsprache beobachten: während die architektonischen Glieder auffallend klein werden und die Ausmaße der Platten wachsen, nimmt der künstlerische Wert der Grabsteine zusehends ab. In der Blütezeit der Grabplastik erreichte das Höhenmaß im Durchschnitt keine anderthalb Meter, die Breite höchstens einen Meter. Samuel Oppenheim wird indessen zu Beginn des 18. Jahrh. ein Sarkophag errichtet, dessen Schmalseiten 2,25 auf 1,39 betragen. Diese Maße werden auch noch überschritten. Aus den Satzungen der Königsberger Beerdigungsbruderschaft*), die im Jahre 1779 die Höchstmaße für Grabplatten festsetzte, ist es zu ersehen, daß *) Veröffentlicht von Rabb. Dr. H. Vogelstein in „Geschichte des israelitischen Vereines für Krankenpflege und Beerdigung zu Königsberg" in der Festschrift zum 200 jähr. Bestehen des isr. Vereines usw., Königsberg, 1904.