Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Alte Friedhofskunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 691 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Alte Friedhofskunst 691 die Unsitte, durch große Dimensionen des Grabmals zu imponieren, ziemlich um sich gegriffen hatte. Der Verfall der Grabplastik machte sich um so mehr bemerkbar, als eine Ähnlichkeit in der architektonischen Anlage Vergleiche mit den Glanzleistungen des 17. Jahrhunderts herausforderte. Es ist derselbe Aufbau, kombiniert aus Halbsäulen, Bogen und Aufsatz, der im Grabmal des Henoch Schick (gest. 1649) oder des dal Banco eine so wohltuende Wirkung auslöst, und dennoch hat man Mühe, ihn im Grabstein der Frumet, Frau des Simson Wertheimer (gest. 1715), zu erkennen. Aus den dünnen Stäbchen, die zu einer Architekturstellung sich fügen, ließen sich eher spielerische Arabesken winden, als Bogen spannen und Stützen errichten. Die Verfeinerung der Ausdrucksmittel führte naturgemäß zu einem* spielerischen Dekorationsstil. Widerstände formaler Natur stellten sich aber einer Weiterentwicklung in diesem Sinne entgegen. Die Grabplatte blieb nämlich immer vor allem eine eingerahmte Schrifttafel und die Gliederung in Füllung und Rahmen bestimmte im voraus die Richtlinien, die ein Überwuchern der Platte mit willkürlichen Dekorationsgebilden verhinderte. Überdies waren auch Hemmungen gefühlsmäßiger Art in der jüdischen Grabplastik gegen das tändelnde, höfische, frivole Rokoko wirksam. Unter solchen Bedingungen konnte nicht viel Ersprießliches geleistet werden, denn wenn die jüdische Grabmalkunst auch sonst ihre eigenen Wege gegangen ward, so hatte sie doch überall Anregungen gefunden, die sie verarbeiten konnte. Jetzt galt es vorsichtig wählen und vieles ausscheiden. Die leider vereinzelt dastehende Gedenkplatte der Schöndl, Frau des Isak Oppenheim (gest. 1741), ist für die Geschmackswandlung sehr bezeichnend und läßt ersehen, mit welch sicherem Instinkt der Steinmetz eines der schlichtesten Rokokorahmenmotive heranzuziehen wußte, das ohne jeglichen Zierat, bloß durch das anmutige Gleiten der Linien wirkt, in denen Gebälk, Bekrönungsaufsatz, Bogen, Säulen sich aufgelöst haben und nur noch leise angedeutet erscheinen. Die Sarkophagfassaden unterscheiden sich von den Grabplatten nicht etwa durch reichere Ausstattung, sie treten vielmehr hinter sie in den Schatten Die lobpreisenden Inschriften, die auf den Sarkophagen der Großen einen nahezu beängstigenden Wortreichtum entfalteten, mögen der künstlerischen Gestaltung nicht günstig gewesen sein. Es ist jedenfalls bemerkenswert und vielleicht auch auf den ausdrücklichen Wunsch des Verstorbenen zurückzuführen, daß gerade die Sarkophage der bedeutendsten Männer, der Oppenheimer, des Hirz Wohl, des Lazarus Hirschel, des Joseph Wertheim beinahe kahle kunstlose Flächen zur Schau tragen. Die übrigen weisen die bekannten Architekturstellungen auf, kein einziger aber in selbständiger freier Bearbeitung. Eine Komposition mußte, scheint es, auf einer Reihe von Grabplatten, oftmals Jahre hindurch erprobt werden, mußte den Reiz des Neuen, die frische, unmittelbare Wirkung eingebüßt haben, um auf den Sarkophagfassaden Zugang zu finden. Der Sarkophag repräsentiert die mehr offizielle Kunstströmung, den „geläuterten6 # Geschmack, die Grabplatte die völkische Unterströmung, das freiere Gestalten. Wien R. Bernstein-Wischnitzer