Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 689

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Alte Friedhofskunst
Date
1917-01-01
Page
689 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
87% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101135-3102946--2122-3103037
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Alte Friedhofskunst 689 giebels und wiederum des Volutenschwunges, der Volutenschnecke, der Voluten- Sprößlinge im Giebel zu einander. Vielleicht am reizvollsten gestaltete sich das Volutenpaar um den fein gezeichneten Lorbeerkranz, der ein sich bäumendes Tier in zart dahingehauchtem Relief trägt, auf dem Grabsteine der Fögele Auerbach (gest. 1628). Die edlen Umrisse des verwitterten Reliefbildes deuten eher auf ein Pferd, als auf einen Wolf hin, das übliche Wappenzeichen der Auerbachs. Es ist das Pferd, das, nach dem Zeugnis der Inschrift, das Mädchen Fögele zertreten hat. An Stelle des Kranzes tritt häufig eine Rosette, eine symbolische Figur (Hände) im Medaillon oder das Wappenzeichen des Verstorbenen, das eine bildliche Übertragung seines Namens darstellte, auf. Die Voluten konnten aber auch eng zusammenrücken, so daß sie sich berührten, was Gelegenheit gab, die Spiralenden mit zierlichen Girlanden zu verbinden. Das reizende Zweivolutenmotiv trägt in den 30er Jahren noch alle Zeichen der Frische. Allmählich fällt es aber der Verkümmerung anheim, der Aufsatz fließt in die Spiegelfläche der Schrift über, die Sprößlinge der Voluten arten zu formlosen übermäßig großen lappigen Gebilden aus; der Grabstein der Mela ha- Levi (gest. 1650) illustriert die eingetretene Zersetzung. Überhaupt nimmt das Rollwerk um die Mitte des 17. Jahrh. an Wucht und Dimensionen bedeutend zu, die ursprünglich flächenhaften Rollungen quellen plastisch hervor, verlieren ihre hart ziselierten Kanten, werden fleischig, weich, bieten sich dem Auge nicht mehr in strenger Frontalität, sondern in gefälliger Dreiviertelansicht; ein Beispiel unter vielen möge der Grabstein des Moses ben Uri Marpurk (gest. 1659) hierfür liefern. In programmatischer Folge tritt nun die Wandlung des Rollwerkes in Knorpelwerk auf. Auf der Grabplatte der Rachel ha-Cohen (gest. 1661) läßt sich die Auflösung der Rollungen in S-Schnörkel genau verfolgen, sie sehen wie aus dem Papiertrichter des Konditors hingegossene Schlingen aus und bilden Ansätze zum Ohrmuschelwerk des Rokoko. Die leichte, graziöse Ornamentik dieses Stils sollte aber in der jüdischen Grabplastik nicht über ihre Ansätze hinauskommen, eignete sie sich doch wenig für streng architektonisch stilisiertes Rahmenwerk. Sie sprengte vielmehr die scharf umrissenen Grenzen eines Rahmens und griff in eigenwilligem Spiel ihrer unsymmetrisch geordneten Formen auf die Füllung über. Abgesehen von einigen Abirrungen ins rein Ornamentale also, die für das Rollwerk als solches nur eine naturgemäße und allgemeingültige Entwicklung bedeuteten, macht sich in der Grabplastik die Besinnung auf das Architektonische immer mehr fühlbar, kommt der bauliche Charakter der aufrechtstehenden Grabtafel immer mehr zum Ausdruck. Der Volutenrahmen bemächtigt sich der Säulentor- und Fensterkompositionen, die für Schrifteinfassungen schon in der Buchillustration verwendet wurden. Dabei wurde von zu kühnen Barockmotiven vorsichtigerweise abgesehen, übereckgestellte Säulen, stark vorkragende und gebrochene Gesimse vermieden, verlangte doch die Bewältigung dieser Formen ein technisches Können, wie es wohl ein Zunftmeister besaß, der es verstehen mußte, seine Entwürfe ,,sowohl in Rissen, als in Modell" auszuführen. Der kleine Steinmetz, der die jüdischen Grabsteine meißelte, war solchen Aufgaben doch nicht gewachsen. Aber in den Grenzen des Möglichen, des technisch Erreichbaren bot sich der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.