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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 688

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Alte Friedhofskunst
Date
1917-01-01
Page
688 (sequence 7)
Language
German
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688 R. Bernstein-Wischnitzer: Welt der zeitgenössischen Kunst ihnen wohl vertraut war, bezeugen die herrlichen Reliefbilder, die man auf den platt im Rasen aufliegenden Steintafeln auf den eigenartig wirkenden Portugiesenfriedhöfen und besonders auf dem bedeutendsten unter ihnen, der Begräbnisstätte in Ouderkerk, bewundern kann.*) Den deutschen Juden ist der Bilderkreis, dem die portugiesischen Juden ihre Darstellungen entnehmen, Putten, Totenschädel, Stundengläser, Engel- und Fledermausflügel, ritterliche Wappen mit Federbusch usw. immer fremd geblieben. Auch widerstrebte es ihnen offensichtlich, biblische Stoffe für die Grabplastik heranzuziehen, was die Portugiesen, wie es Rabbiner Dr. M. Grunwald**) nachgewiesen hat, mit Vorliebe taten. Die askenasische Grabplatte empfing ihre Anregungen von den Rahmenkompositionen, wie sie die Architektur und der Grabschmuck reichlich boten. Der aus Akanthusranken geschlungene, mit Stabwerk, Grotesken, Vögeln und Tieren reich geschmückte Renaissancerahmen wurde sozusagen rationalisiert, indem das phantasievolle Beiwerk ausgemerzt und der ornamentale Bestand auf den Wellenstab, — die sich schlängelnde stilisierte Ranke zurückgeführt wurde. Aber das auf diese Weise schematisierte Rahmenmotiv erschien wohl immer noch als zu spielerisch, zu weltlich, um in der jüdischen Grabplastik sich zu behaupten. Es tritt erst auf Grabplatten späterer Zeit — im 18. Jahrhundert häufiger auf, als der Zusammenhang mit den üppigen Renaissancegebilden, denen es entstammte, nicht mehr als solcher empfunden wurde. Dagegen erfreute sich die durch zahlreiche Ornamentstiche in den Werkstätten verbreitete Kartusche — das an den Rändern ausgezackte Schild, das zur Aufnahme von Titeln, Inschriften und Wappen diente — großer Beliebtheit. Die pergamentartig aufgerollten Einschnitte solcher Schilder — Rollungen oder Voluten — gaben diesen Rahmenkompositionen den Namen des Rollwerks. Das Rollwerk beherrschte die jüdische Grabplastik im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts. Es trat hier nicht mehr in seinen Frühformen auf, denn die barocke Kartusche hatte bereits gegen Ende des 16. Jahrhunderts ihre wichtigsten Entwicklungsetappen überwunden und verfügte über zahlreiche Ausdrucksmittel, die alle ungefähr zur gleichen Zeit auf dem jüdischen Friedhof zur Verwendung gelangten. Bei der Übertragung auf die Grabplatte mußte die Kartusche freilich entsprechend zugestutzt werden, handelte es sich hier doch nicht um die Einrahmung eines Hängeschildes, sondern einer aufrecht stehenden Tafel. Der Rollwerkrahmen erfuhr also eine durchgreifende Bearbeitung, wurde nach den senkrechten tragenden und den wagerechten ruhenden Partien organisiert, die oberen Voluten bildeten sich zu einem Bekrönungsaufsatz heraus, die seitwärt igen Voluten strafften fsich zu regelrechten Stützen, wie es der Grabstein der Hinde, Tochter des Avigdor Kara (gest. 1595), schon zeigt. Mit der Beseitigung des Rollwerkes bis auf den Aufsatz wurde ein Schema für einfache, anspruchlose Grabplatten geschaffen. Die Wirkung solcher mit den schlichtesten Mitteln erzeugten Grabsteine lag allein in den fein abgewogenen Verhältnissen der Schriftplatte und des Bekrönungs- *) Dr. Henriquez de Castro, „Keur van Grafsteenen op de Nederl.-Port. israeL Begraafplaats te Ouderkerk aari den Amstel", Leiden 1883. (Vorrede und Einleitung mit deutscher Übersetzung. Vorzügliche Abbildungen.) **) „Portugiesengräber auf deutscher Erde", Hamburg 1902. (Aufzählung der in Altona und Glückstadt auf Portugiesensteinen verwerteten Bilderstoffe und einiges Abbildungsmaterial.)

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