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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 687

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Alte Friedhofskunst
Date
1917-01-01
Page
687 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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Alte Friedhofskunst 687 tafeln plastische Belege für eine nur selten unterbrochene Reihe von Jahrgängen und dies in einer Spanne Zeit von 1582. bis 1783. Während die Sarkophage nur einzelne Momente in der Entwicklung der Grabsteinplastik illustrieren, bieten die tafelförmigen Grabplatten das Bild einer fortlaufenden Bewegung, die beinahe lückenlose Geschichte des jüdischen Grabsteins in Wien. Die Entwicklungstadien vom kunstlosen oben im Halbkreisbogen verlaufenden Stein und der vierkantigen Platte bis zur kompliziertesten Säulenstellung lassen sich bequem an der Hand des vollständig im Besitze der Wiener Gemeindebibliothek befindlichen Abbildungsmaterials und dank der hervorragenden Datierungsarbeit Dr. B. Wachsteins*) verfolgen. Leider steht für den Prager Friedhof eine ähnliche Sichtungsarbeit aus. Dies ist um so mehr zu bedauern, als nur die chronologische Aufstellung der jüdischen Grabmäler einen vollständigen Überblick gewähren, die Abweichungen in den unendlichen Wiederholungen an den Tag fördern und das auf die Symptome einer allgemeingültigen Stilevolution eingestellte Auge für die nach ihren immanenten Bestimmtheiten reifende Eigenart schärfen könnte. Die jüdische Grabplatte des Mittelalters hat mit der christlichen Grabplatte der Gotik nur wenig gemein. Ursprünglich eine in den Boden eingelassene, in der Folgezeit eine in die Wand der Kirche eingebaute Steinfliese, war die christliche Grabplatte von einem gleichmäßigen rechteckigen Schriftrahmen eingeschlossen, der Kopf- und Fußende nicht weiter berücksichtigte. Die eingerahmte Fläche trug im Relief das Bild des Verstorbenen, sein Wappen, religiöse Symbole u. a. m. Demgegenüber war die jüdische Grabplatte stets senkrecht aufgestellt, ihr unterer Rand eingegraben, der obere in freiem Abschlüsse verlaufend. Die Grabschrift war darin nie an den äußersten Rand gedrückt, nie als Erläuterungstext zur plastischen Füllung der Platte gedacht, sondern selbst das formgebende Moment, die Füllung, um die Architektur und Ornament zum Rahmen sich fügten. Aus diesem Grunde konnte die jüdische Grabplastik von der Gotik nur Rahmenkompositionen übernehmen; daß sie nur schüchtern sich an den Spitzbogen, an den Dreipaß heranwagte und sie bloß als eingerissenes oder abgetieftes Ziermotiv gebrauchte, liegt an den bescheidenen Verhältnissen, in denen jüdische Kunst im Mittelalter sich entwickelte. Der Grabstein der Frau Bruniii, Tochter des R, Jakob in Ulm**), war im Verhältnis zu anderen gleichzeitigen Erscheinungen in Prag oder in Worms, zum Beispiel, schon eine bedeutende Leistung. Demgegenüber bilden die Portugiesengräber eine glückliche Ausnahme. Während die deutsch-jüdische Grabplastik im 16. und 17. Jahrhundert sich mühevoll die brauchbaren Elemente im herrschenden Zeitstil zusammensuchte und auf eine ziemlich kümmerliche Vergangenheit zurückblickte, bauten die Portugiesen ihre Grabmäler auf der Grundlage einer kräftigen Tradition, einer bodenständigen Überlieferung aus. Sie stützten sich, wie die christlichen Völker des Abendlandes, auf die mittelalterliche Grabplattentype und stutzten diese, genau wie es die andern taten, in der Formensprache des Barock zurecht. Daß die reiche Formen- *) „Die Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien", B. I. 1912, B. II. 1917 in »Quellen und Forschungen zur Geschichte der Juden in Deutsch-Österreich", B. IV (reich illustriert). **) Dr. Hassler, „Jüdische Altertümer aus dem Mittelalter in Ulm"; in „Verhandlungen des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben", Ulm 1865, Abbildung S. 12.

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