Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Alte Friedhofskunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 686 (sequence 5)
- Language
- German
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686 R. Bernstein-Wischnitzer: Prag hatte von der romanischen und gotischen Vergangenheit für sich mehr zu erhalten gewußt, als Wien; seine besondere ethnographische Beschaffenheit begünstigte das pietätvolle Verweilen bei alten, geheiligten Formen. Prag gegenüber ist Wien die nivellierende Großstadt, der Schmelztiegel, der die Formen umprägt und verjüngt. Den Prager Grabsteinen haftet etwas Archaisches an; die architektonische Gliederung, die Profile des Gebälks, die Rundung der Säulenschäfte, die Spirale des Rollwerkes zeigen durchaus eine provinzielle, ja man kann sagen, rohe Behandlung. Der Geist des Barock, die Tendenz, die Mittel zur Steigerung der künstlerischen Wirkung stramm zusammenzufassen, auf einen Mittelpunkt zu konzentrieren, alles Unwesentliche aber wegzulassen, kommt hier noch gar nicht zum Ausdruck. Der Steinmetz behandelt mit gleichem Eifer die allein für den Beschauer in Betracht kommende Stirnfläche des Monumentes und die verdeckten Partien, setzt überall gleichmäßig Glanzlichter auf. Die Architekturteile sind häufig ohne Verständnis für die Verhältnisse gegeben, die Friese über alle Maßen breit, die Kapitäle der Säulen und die Simse» die Granatäpfel und Trauben von eigentümlich gothisierender Zeichnung, die Bekrönungsaufsätze schwerfällig und steif von rechteckiger oder trapezartiger Silhouette, die von der muskulösen Gelenkigkeit, der organischen Durchbildung barocker Giebel nichts zu ahnen scheint. Was den Sarkophagen des Mardachai ben Samuel Meisel (gestorben 1601), des Rabbi Jehuda Low (gest. 1609), der Hendel von Treuenberg (gest. 1628), des Josef del Medico de Candia (gest. 1655) trotzdem einen unsagbaren Reiz verleiht, ist die schäumende Schaffenslust, die Freude am Stofflichen, an der plastischen Form, am Detail, die auf den düstern Grabgehäusen zwischen steifem Gebälk Blüten und Ranken und Früchte quellen läßt, Girlanden windet, Tücher drapiert. Die Grabmale des Wolf (gest. 1630) und des Ahron Spira liefern gegenüber den übrigen Prager Sarkophagen sozusagen den Maßstab für ein Höhenziel, das niemals erreicht wurde, ein Beispiel ausgeglichener Verhältnisse und reiner Formenzeichnung. Sie rühren von kundiger, sicherer Hand her, von einem Steinmetz, der den Zeitstil beherrschte. Ob es sich hier vielleicht um die Schöpfungen eines Zunftmeisters handelte, während die meisten Sarkophage Werke ungeschulter jüdischer Handwerker waren, wer überhaupt die Leute sind, die die Grabsteine meißelten, ist eine Frage, die bei dem heutigen Stand der jüdischen Kunstforschung noch nicht beantwortet werden kann. Um diöt verschiedenen Gebilde, die die Sarkophagfassaden auf dem alten Friedhofe in Wien bieten, zu würdigen, empfiehlt es sich, sie im Zusammenhang mit den aus einer einzelnen aufrechten Platte bestehenden Grabtafeln zu betrachten. Die Grabtafelform war die verbreitetere und bot daher eher Gelegenheit zu neuen Lösungen und glücklichen Einfällen, als der Sarkophag. Der Sarkophag war das Distanz verlangende Monument, die vornehmere, kühlere Form. Er stellte in Bezug auf Material, Raum und Arbeit höhere Ansprüche, denen nur reichere Familien Genüge leisten konnten. Die Gemeinde ehrte mit einem kostspieligen Sarkophag nur hervorragende Persönlichkeiten, Fürsprecher der Gesamtheit vor der Regierung, bedeutende Gelehrte, Vorsteher. Während in Wien bloß vier Sarkophage aus dem 17. Jahrhundert und ein Dutzend aus dem 18. erhalten sind, liefern die nach vielen Hunderten zählenden Grab-