Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Alte Friedhofskunst
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 685 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Alte Friedhofskunst 685 Man denkt bei dem Anblicke eines solchen Sarkophags unwillkürlich an schmale hochaufgeschossene Häuserfronten in dicht bevölkerten Straßen. So eine dicht bevölkerte Straße war der jüdische Friedhof. Mit Mühe und Not gelang es der Gemeinde, etwas Gelände für einen Gottesacker der feindseligen Bürgerschaft abzuringen* jede Quadratelle Boden wurde heiß umstritten, ein eiserner Ring umschnürte die „Stätte des Lebens", den „Freithof" der Juden. Naturgemäß mußte von gedeckten Hallen und Gängen mit eingelassenen Nischengräbern, wie sie etwa in den Katakomben eingebaut wurden, und von frei als Rundplastik aufgestellten Monumenten abgesehen werden. Während der christliche Sarkophag, namentlich seit im 11. und 12. Jahrhundert das Grabmal in die Kirchen Einzug gehalten hatte, immer luxuriöser ausgestattet werden konnte und unter dem schirmenden Gewölbe zu einem Schaustück, einem kostbaren Museumsgegenstand. sich entfaltete, mußte der jüdische Sarkophag, der unter freiem Himmel stand und nur wenig Platz auf Gottes Erde beanspruchen durfte, das nüchterne Straßenkleid anlegen*). Die flache oder sanft abgeschrägte Deckplatte der Tumba verwandelt sich in ein hohes, steiles Satteldach, an dessen Giebelfronten hohe es maskierende Wände vorgelagert wurden — die vordere die Komposition beherrschend, die rückwärtige, als ein gedämpftes Spiegelbild der anderen behandelt, zeitweilig aber auch niedriger gehalten und dem Giebeldreieck des Deckels eingegliedert. Die Dachschrägen ruhten auf den niedrigen mit flachen Aufsätzen gekrönten Längswänden. Die Hauptinschrift befand sich auf der Vorderplatte, ergänzende Inschriften verteilten sich über die übrigen Sarkophagfassaden und überzogen auch die Deckplatten. Die im 17. Jahrhundert als vollkommen ausgebildet auftretende Anlage steht in der Folgezeit im Zeichen der wachsenden Beeinflussung durch das Frontalitätsprinzip. Die rückwärtige Wand nämlich, die als abgedämpftes Spiegelbild der Vorderwand behandelt wurde und bescheiden in den Hintergrund zurücktrat, gewann an Bedeutung und Dimensionen. Schließlich überragte sie die Vorderplatte, und die Inschriften, die sie an ihrer Außenseite trug, wanderten auf die dem Grabe zugekehrte Fläche, Es sollte durch den gleichsam amphitheatralisch aufsteigenden Aufbau und die Verlegung der Inschrift nach vorn dem Beschauer die Mühe erspart werden, sich zwischen den Gräbern nach rückwärts durchzwängen zu müssen. Dies war, je mehr die Grabsteine zusammenrücken mußten und der Zugang sich auf die vordere Seite beschränkte, nur die folgerichtige Lösung einer Aufgabe, die im 19. Jahrhundert allgemein an die städtischen Friedhofsanlagen herantrat. Das moderne Grabmal zog die letzten Konsequenzen aus der ifrontalitätsbedingung, beseitigte gänzlich die vordere Platte, flachte den Grabdeckel ab, so daß die rückwärtige Wand als Inschrifttafel zu voller, herrschender Geltung gelangte. Analoge Raumverhältnisse haben hier in ähnlicher Weise formbestimmend gewirkt. Die jüdische Sarkophagtype, das Gehäuse mit Satteldach und hohen Schmalseiten, tritt in Prag und in Wien mit Abweichungen architektonischer und /ornamentaler Natur auf, die auf lokale Verhältnisse zurückzuführen sein dürften. *) Die christlichen Gräber auf den Kloster- und Kirchhöfen waren bloß mit einem Kreuz oder einem Kruzifix geschmückt. Diese wurden, wie es ein Stich nach dem sogen. Kaiserlichen Gottesacker vor dem Schottentor in Wien, der im 16.—18. Jahrhundert im Gebrauch war, bezeugt, mit kleinen Schutzdächern versehen.