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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 684

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Alte Friedhofskunst
Date
1917-01-01
Page
684 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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684 R. Bernstein-Wischnitzer: Simse, gekuppelte Säulen, das Rollwerk u. a. m. auf den Grabsteinen festgestellt zu haben, um mit Bestimmtheit von einer Angehörigkeit zürn Grabmalstil des Barock sprechen zu dürfen. Denn es besteht keine Gemeinsamkeit zwischen den jüdischen Grabmälerri und den großartigen Leistungen des Barock auf dem Gebiete der Grabmalkunst — den auf Konsolen getragenen Patriziergräbern, den figurenreichen Prunkmonumenten der Päpste, den feingegliederten feierlichen nordfranzösischen Sarkophagen, den in die Wände eingelassenen Grabplatten mit Reliefdarstellungen der betenden Verstorbenen mit Wappen, Kreuz, Grotesken und Putten, wie wir sie auch in den deutschen und österreichischen Kirchen sehen. Wer die jüdischen Sarkophage in Prag und in Wien kennt, wird vielmehr die Überzeugung gewonnen haben, daß sie in einem greifbar deutlichen Gegensatz zu dieser von Üppigkeit und plastischem Behagen strotzenden Formenwelt stehen, einem Gegensatz, der sich nicht ausreichend dadurch erklären läßt, daß es sich dort um Patrizier-, Papst- und Königsgräber handelte und hier, wenn es hoch ging, um die Ruhestätte eines Hof juden. Das wäre immerhin nur eine Frage des Maßstabs, indessen wiederholte die jüdische Grabmalkunst keineswegs in etwa reduziertem Maßstab und minderwertigem Material und Ausführung bloß die Typen christlicher Grabmalkunst. Sie ist wesenhaft anders. Man wird der Eigenart des jüdischen Grabmals nur dann gerecht, wenn man bei seiner Würdigung das tektonische Gefühl, das der jüdischen Plastik zugrunde liegt, und die dieser zugefallenen Aufgaben berücksichtigt. Der Unterschied wird erst klar, wenn man vor allem die formbildenden Momente in der christlichen Grabplastik ins Auge faßt. Die Urform des christlichen Grabmals war der Altar, der Sarg des Heiligen, auf welchem die Gläubigen das gemeinsame Gebet verrichteten. Man denke sich diesen Märtyrersarg, der als Tisch während der liturgischen Handlung benutzt wurde, in seiner Längsrichtung aufgestellt, so etwa wie die Tafel im Heiligen Abendmahl des Leonardo da Vinci. Die Längsansicht sollte für den christlichen Sarkophag im Wandel der Zeiten und Stile ausschlaggebend bleiben. Eine Bestätigung hierfür liefert beispielsweise die Grabplatte der Gasdia und Cilla in Florenz aus dem u. Jahrh., die einen Sarkophag im Relief, also bloß in schematischer Reduktion und bezeichnenderweise von der Längsseite gesehen darstellt. Diese Anlage erwies sich als überaus dankbar, da die Längsseite naturgemäß ein ausgedehntes Feld für tektonische und ornamentale Ausgestaltung bot, und sie gab im Laufe der Jahrhunderte Gelegenheit zu den reizvollsten Lösungen, wie sie namentlich in den Konsolen- und den Baldachingräbern gefunden wurden. Den Eindruck von durch wesentlich anders geartete Aufgaben bedingten Lösungen machen demgegenüber die jüdischen Sarkophage in Europa*). Während der christliche Sarkopkag das Hingestreckte, Lagernde, die Horizontale des ruhenden Körpers, die Todesruhe schlechthin ungestört zum Ausdruck bringt, verbirgt der jüdische Sarkophag seine Längenausdehnung hinter einer schmalen Fassade, einer hoch aufgerichteten Wand, kehrt dem Beschauer die Schmalseite zu, die dem Kopfende des Grabes entsprechende Partie. *) Die antiken palästinensischen Sarkophage, wie sie uns aus der Sammlung im Louvre in Paris bekannt sind, gehören selbstverständlich nicht in diesen Gedankengang.

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