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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 10-11 · p. 683

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 10-11
Article
Alte Friedhofskunst
Date
1917-01-01
Page
683 (sequence 2)
Language
German
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Alte Friedhofskunst 683 Alter der Leichensteine aus ihnen ermitteln läßt, desto überflüssiger erscheint es, die Grabsteinformen zu prüfen: mit der Datierungsarbeit, die einem erspart bleibt, entfällt die Notwendigkeit stilkritischer Untersuchung. Selbst die Kunstbeflissenen, die dem Zauber der Schrift nicht unterlagen, weil sie ihrer nicht kundig waren oder kein Auge für sie hatten, Männer, wie Dr. L. Jerabek zum Beispiel, der über den alten Friedhof in Prag ein warmes, andächtiges Buch geschrieben hat, auch sie scheinen sich nur wenig um die Architektonik des jüdischen Grabmals bekümmert zu haben. Worum es ihnen zu tun war, was sie zur Bewunderung drängte, war das Gesamtbild eines altes Judenfriedhofs, das Zusammenwirken von Licht und Gewölk, morschem Gestein und Gewächs, die Farbenpracht, in der die verwitterte, bemooste, eigentümlich verfärbte Oberfläche einer uralten Steinplatte um des Farbenfleckes, um des Lichtreflexes willen wertvoll war. Es war immer nur die Rede von Stimmungswerten, von Ruinenromantik, und nur wenig von Form, Komposition, Linienführung, von der einmaligen, dem Wechsel der Jahreszeiten und sonstigen atmosphärischen Einflüssen nicht unterworfenen Schönheit, die in der jüdischen Friedhofsplastik geschaffen worden ist. Daß es sich hier um bestimmte Kunstoffenbarungen handelte, wurde wohl eingesehen, allein man glaubte ihnen mit einer Stilbezeichnung Genüge getan zu haben; schien doch für die jüdische Grabmalkunst auch der Entwicklungsgang einer gemeiniglich bekannten Formensprache zu gelten, dessen Etappen Gotik, Renaissance, Barock heißen. Wesentlich anders klingt demgegenüber das Urteil Dr. Derejacs in dem von ihm eingeleiteten Werkchen über „Alte Grabmalkunst'*, das Grabmäler in Deutschland und Östetrreich vom 15. bis zum 19. Jahrh. im Bilde vorführt. Die „melancholischen jüdischen Kirchhöfe" werden darin als „hieratisch, orientalisch, ja mitunter beinahe aztekenhaft anmutend" bezeichnet. Hie Renaissance und Barock, hie Aztekenreminiszenzen! Gehören die jüdischen Grabsteine in die europäische Entwicklungsreihe hinein, oder fallen sie aus ihr heraus, als eine fremdartige, exotische Erscheinung? Man ist versucht sich nach einer Analogie für diese merkwürdige Urteilsverwirrung, die tiefgehende Gegensätze nebeneinander duldet, umzusehen und findet sie in der Tat in einem Lande, wo Ost und West sich kreuzen, wo orientalische Einflüsse sicherer nachzuweisen und gewiß nachhaltender ausgeübt worden sind als in Prag, in Wien oder in Worms, — in Rußland. Es gibt da Kirchen aus dem 17. Jahrhundert, die „hieratisch, orientalisch" wirken uftd lange als Erzeugnisse der in Ausschweifungen schwelgenden Phantasie östlicher Barbaren galten. Die moderne Kunstforschung erkannte zwar in den exotisch anmutenden Gebilden Formen der italienischen Renaissance und echtesten Barocks, leugnete aber keineswegs die Eigenart dieser Kunstwerke. Nur wird diese nicht in den Formen schlechthin gesucht, sondern in der Art und Weise, wie sie verwendet wurden. Für den Italiener waren es Bauformen, Konstruktionselemente, für den Russen bloß ornamentale Motive, deren er sich, ohne ihre Funktion zu begreifen, als eines kleidsamen Schmuckes zur Belebung kahler Wandflächen bediente. Das Grundgefühl der italienischen Tektonik ging ihm ab. Auch in der jüdischen Grabmalplastik sollte man sich durch Äußerlichkeiten der Formensprache nicht verleiten lassen, um auf Verwandtschaften zu schließen. Es genügt nicht einige Merkmale des Barock: geschwungene Giebel, verkröpfte 46*

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