Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Jüdische Jugendgärten
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 679 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Jugendgärten 679 wanderer erstrebte und gewonnene Einstellung zur Natur ist doch und will doch in erster Linie sein eine sportliche oder sportlich-ästhetische. Die Angelegenheit der zu begründenden Jugendgärten ist aber weder eine sportliche noch eine ästhetische, sie ist ganz , und gar Tat, Arbeit an der Scholle. Unsere Jugend soll sich die Natur nicht nur im Wandern erobern, sie soll es auch lernen, sieh ihr in der Arbeit unterzuordnen. Beides gehört zusammen. Die ästhetische Einstellung hat ihr Recht und wird uns hindern, die Arbeit in der Natur als einen Frondienst mit innerer Teilnahmlosigkeit zu verrichten, aber dringlicher erscheint uns zur Zeit die Arbeit in der Natur. Wir wollen uns der Natur in rückhaltloser Arbeit hingeben, um ihre segensreiche Wirkung auf die körperliche und geistige Gesundheit ganz kennen zu lernen. Die Arbeit an der Scholle zwingt zur Objektivität Hier gibt es keine Phrasen, kein Versteckspielen, keine Modetorheiten, alles ist nüchterne Sachlichkeit, Ehrlichkeit und ewig gleichbleibende Erneuerung. Das sind keine neuen Wahrheiten, aber hier erfolge der Hinweis auf bekannte Sachverhalte als auf ebensoviel Heilmittel für Gebreste gerade der jüdischen Seele. Man prüfe, was in uns an Schwächlichem zu finden ist, und man wird finden, daß vieles davon in irgendeiner Weise mit unserer Entfremdung von der Natur zusammenhängt. Es ist doch keine Täuschung, daß vielen von uns das in sich ruhende Gleichgewicht des Ichs fehlt, das natürliche berechtigte Selbstbewußtsein, welches sich vom Ichkultus ebenso fernhält wie von einem durch Selbstzergliederung und ungesunde Zweifel angebohrten und häufig genug gebrochenen Selbstbewußtsein. Ichkultus ist uns schon häufig zum Vorwurf gemacht worden; ich halte dafür, daß man diese Schwäche bei uns durchaus nicht häufiger antrifft als die Gebrochenheit des Ichs. Eine Tatsache ist es aber wohl, daß eine tiefgreifende Störung des inneren Gleichgewichts — ganz sicher mehr bedingt durch die abnormen Daseinsbedingungen, die man uns aufzwang, als durch eine Naturanlage unserer Seele — bei uns häufiger angetroffen wird als anderwärts. Die Wiedergewinnung der Natur kann dieser unserer Not Heilung oder doch Linderung bringen. Ich sehe keinen andern erfolgversprechenden Weg, alle Schichten der westlichen Juden in größerem Umfang wieder mit der Arbeit an der Scholle bekannt zu machen, als die von mir ins Auge gefaßten Jugendgärten. Daß der Aufruf zu deren Errichtung an die Jugend erfolgen muß, bedarf keiner weiteren Begründung; die ältere Generation wollen wir um ihr förderndes Wohlwollen für dieses bedeutsame Erziehungswerk an der jüdischen Jugend bitten. Übernehmen die bestehenden Jugend vereine die Organisation von Jugendgärten als einen neuen Punkt ihres Arbeitsprogramms, so werden sie damit eine starke Anziehungskraft auch auf noch Fernstehende ausüben. Jüdische Jugendgärten sollten an allen Orten entstehen, wo ihre Begründung irgendwie aussichtsreich erscheint. Angesichts der hervorragend wichtigen Arbeit, welche die Gärten an der Jugend leisten sollen, werden sich möglicherweise auch die Gemeinden bereit finden, ihre moralische und materielle Hilfe zu gewähren, aber eigentliche Träger und Propagandisten der Idee müssen die jugendlichen Organisationen sein. In der Nähe des Ortes, an dem ein Jugendgarten erstehen soll, ist ein geeignetes Stück Land in Pacht zu nehmen, etwa von der Lage und der Beschaffenheit der Grundstücke, auf denen sich Schrebergärten befinden. Das Land muß also so gelegen sein, daß es zu Fuß oder infolge günstiger Fahrgelegenheit in