Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte der "Zionsliebe"
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 675 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte der „Zionsüebe" 675 Moralisch wurde er zwar von Gutmacher und Kalischer unterstützt, aber die tatsächliche Leitung der ganzen ziemlich verwickelten Tätigkeit ruhte allein in seinen Händen, Er leitete die Propaganda, er sorgte für die Verbreitung palästinophiler Literatur, er war es, der beim Magdeburger Rabbiner Dr. Rahmer eine deutsche Übersetzung von Kalischers „Drischat Zion" bestellte und einen hebräischen Übersetzer für Moses Hess* „Rom und Jerusalem" suchte (aber damals nicht fand); er führte alle Geschäfte der Gesellschaft, verkehrte mit den Ortsvereinen, mit den Wanderrednern, mit berühmten Männern des In- und Auslandes. Bezeichnenderweise beförderte er sich selber in Amt und Würden. Ganz am Anfang nannte er sich bescheiden „Komitee-Mitglied des Kolonisationsvereins für Palästina", sodann unterschrieb er „Geschäftsführer des Vereins", später hieß er „geschäftsführender Direktor" und endlich — „Generaldirektor des Kolonisationsvereins". Es kann also nicht wundernehmen, daß Lorje in die Arbeit manches sonderliche Moment hineintrug, und daß seine verschiedenen Tätigkeitsgebiete von seinen individuellen Eigenschaften bestimmt waren, von seinem überhitzten Gemüt, seiner Unruhe, seiner Schwärmerei, seiner Neigung zu Mystik und religiöser Ekstase und nicht zuletzt von seinen * inneren Kontrasten. Es war unvermeidlich, daß dieser abnorme Zustand den Leuten auffallen und bei den ruhigeren Elementen der Gesellschaft eine große Unzufriedenheit auslösen mußte. Es kam auch bald zu einer starken Erbitterung, nachdem Lorje sich einer der damaligen namhaftesten jüdischen Persönlichkeiten Deutschlands, dem Berliner Gelehrten, Rabbiner und Prediger Dr. Michael Sachs gegenüber taktlos verhalten hatte. Dr. Michael Sachs hatte sich auf Anregung Kalischers der Frankfurter Gesellschaft im zweiten Jahre nach ihrer Gründung angeschlossen. In der zweiten Auflage von „Drischat Zion" drückte Kalischer die große Freude aus, die er an dem Tag empfunden hatte, als ihm Sachs die Sache brieflich mitteilte. Sachs war aber der Meinung, daß es für die ganze Angelegenheit viel nützlicher und zweckmäßiger wäre, das Zentralkomitee aus einer Provinzstadt wie Frankfurt an der Oder nach einem großen jüdischen Zentrum wie Berlin zu verlegen. Es ist sehr möglich, daß er damit noch ein zweites beabsichtigte, nämlich die oberste Leitung aus den Händen Lorjes zu nehmen. Rabbiner Kalischer pflichtete Sachs bei und teilte dies Lorje mit. Gerade damals trug es sich zu, daß der Londoner „Jewish Chronicle" auch seine Meinung dahin äußerte, das die Kolonisation Palästinas leitende Zentralkomitee solle in London, Wien oder Paris seinen Sitz haben, nicht aber in Frankfurt an der Oder. Lorje empörte die Sache sehr, und sofort richtete er an Sachs einen scharfen, in den unhöflichsten Ausdrücken gehaltenen Protest. Außerdem versandte er ein Rundschreiben an die Mitglieder in den Provinzstädten, in dem er auf die große Gefahr aufmerksam machte, die der Chibath Zion drohe, falls man das Zentralkomitee aus Frankfurt an der Oder, einer berühmten jüdischen Gemeinde, wo der Verfasser des Schulchan-Aruch-Kommentars „Pri Megadim" wohnte, nach Berlin verlege, einer Stadt voller Ketzer, die sich über alles Heilige lustig machten. Das genügte aber Lorje noch nicht. Er protestierte gegen den Vorschlag von Dr. Sachs auch noch in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" (1863, Nr. 48, S. 746). „Die betreffenden Herren", — schrieb er — „welche sich in demselben [in Berlin] spreizen, sind hochmütige Egoisten und ohne Einfluß auf die Regierung. Welchen Erfolg dürfte der Kolonisationsverein für P.