Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 10-11
- Article
- Zur Geschichte der "Zionsliebe"
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 673 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte der „Zionsliebe" mit verschränkten Armen dasäßen und nicht mithülfen, die jüdische Erlösung herbeizuführen. Meistens verschloß ihm zwar die russische Grenzzensur den Mund, aber auch durch das Wenige, das übrigblieb, waren die Juden in Rußland über das Bestehen der Gesellschaft in Frankfurt an der Oder sehr gut unterrichtet, interessierten sich sehr für die Mitteilungen Lorjes im „Hamagid", setzten sich mit ihm auf allen möglichen Wegen in Verbindung und schickten an ihn oft auch Mitgliederbeiträge. Unter den ersten angesehenen jüdischen Persönlichkeiten in Rußland, die Lorje für den Palästinagedanken gewann, war auch der bekannte Wilnaer Gelehrte S. J. Fünn. Den frommen „Israelit" benutzte Lorje als Vermittler zwischen sich und den großen Rabbinern und anderen namhaften Persönlichkeiten der Gesetzestreuen in Deutschland, deren Gunst er für die Arbeit der Gesellschaft als nützlich erkannte. Die freisinnige „Allgemeine" diente Lorje umgekehrt als Bollwerk gegen diejenigen orthodoxen Kreise, die die Arbeit der Gesellschaft störten und sich zu jeder Art jüdischer Kolonisation in Palästina feindlich verhielten. Philippson ließ Lorje sich ungehindert über diese „dunkle", „fanatische" Orthodoxie auslassen. Bezeichnend ist folgender Fall. Die Chalukaleute in Palästina, deren einzige Lebensquelle die Spenden waren, mit denen die Juden der Diaspora die unter dem Namen des „Rabbi Meir Baal-haness" (Meir, der Wundertäter) be-- kannten Büchsen füllen, erblicken in der Gesellschaft eine gefährliche Konkurs renz. Das bewog sie, Mittel zu suchen, wie der Bestand der Gesellschaft zu untergraben wäre. Eins dieser Mittel waren von den Chaluka-Agenten überall verbreitete Pamphlete und Pasquille gegen die Gesellschaft und ihre Leiter, ganz besonders gegen Dr. Lorje. Eines Tages erfuhr er, einer der Chaluka- Reisenden sei nach Berlin gekommen und habe dort eine Agitation gegen die Gesellschaft eingeleitet. Der temperamentvolle und nervöse Lorje konnte dazu nicht schweigen und trat gegen die Berliner Beschützer der palästinensischen Chalukaleute in einem scharfen beißenden Aufsatz in der „Vossischen Zeitung" auf. Das genügte ihm aber nicht. Er vergaß gänzlich, daß er ein Nachkomme des heiligen R. Jizchak Lurja war und daß die Frankfurter Gesellschaft „nur kraft der Verdienste seines Vorahnen" existierte, und veröffentlichte in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" eine giftige Zuschrift über den „Chassidismus in Berlin" (1862, Nr. 10, S. 116), voller Spott über die Schüler seines Ahnen, die Chassidim. In dieser Zuschrift erzählte Lorje zuerst, er habe für die Beleuchtung der dunklen Taten der Chalukaleute in der „Vossischen" einen morddrohenden Brief erhalten, das schrecke ihn aber nicht und er wolle die Verfechtung der guten Sache auch durch die PhilippsonscheZeitschrift fortsetzen, die „auf alle bedeutenden Erscheinungen im Judentume achtet und auch unlängst auf die Gefahr aufmerksam gemacht hat, welche der Zivilisation durch den Chassidismus droht". Nach diesen Schmeichelworten an Dr. Ludwig Philippsons Adresse warnt Dr. Lorje die Berliner Gemeindevorsteher vor den Chaluka-Agenten und ihren Geldsammlungen. „Mögen Sie im Geiste des neunzehnten Jahrhunderts, der Intelligenz und des reinen Judentums, welches Menschenvergötterung und Totenanbetung verbietet, diese Leute zurückweisen, wenn Ihnen die Ehre ,und das Wohl Ihrer Gemeinde am Herzen liegt. Was hat die Annahme von Geldern für Palästina mit dem Sammeln für einen Wundermann zu tun? Wozu diese Schmarotzerpflanze am gesunden Baume?" So geißelte Dr. Lorje, selbst Mystiker